Impressionismus & Moderne Lot 3201 – 3274 Freitag, 1. Dezember 2023, 16.30 Uhr

| 16 Impressionismus & Moderne 3211* CAMILLE PISSARRO (Charlotte Amalie 1830–1903 Paris) Prairies à Gisors. 1885. Öl auf Leinwand. Unten rechts datiert und signiert: 1885 C. Pissarro. 59,7 × 73 cm. Provenienz: - Julie Pissarro, Ehefrau des Künstlers. - Lucien Pissarro, 1921 durch Erbschaft erhalten. - Esther Pissarro, 1944 durch Erbschaft erhalten. - Jacques Lindon, New York, 1950. - Knoedler & Co., New York, am 17.5.1965 von Obigem erworben. - Walter Bick, Ontario, am 27.1.1969 in obiger Galerie erworben. - Kunsthandel Wolfgang Werner, Bremen/Berlin. - Privatsammlung Bremen, 1979 in obiger Galerie erworben. Ausstellungen: - Paris 1892, Camille Pissarro, Galerie Durand Ruel, Nr. 29. - London 1943, Three Generations of Pissarro: Camille, Lucien, Orovida, Miller/The Leicester Galleries, Nr. 18 bzw. Nr. 66. - London 1950, A Camille Pissarro Exhibition, Matthiesen Gallery, Nr. 22. - London 1954, Three Generations of Pissarros (1830–1954), O'Hana Gallery, Nr. 10. - Wuppertal 2014/15, Pissarro. Der Vater des Impressionismus, Von der Heydt-Museum (mit Abb.). Literatur: - Joachim Pissarro & Claire Durand-Ruel Snollaerts: Pissarro. Catalogue critique des peintures, Paris 2005, Bd. III, S. 522, Nr. 795 (mit Abb.). - Ludovic-Rodo Pissarro & Lionello Venturi: Camille Pissarro. Son art – sonœuvre, Paris 1939, Bd. I, S. 175, Nr. 668 (mit Abb. Bd. II, Nr. 138). - Janine Bailly-Herzberg: Correspondance de Camille Pissarro, Paris 1988, Bd. III, 1891–1894, Nr. 750 (Erwähnung S. 193, Nr. 18). - Alfred Ernst: Camille Pissarro, in: "La Paix", Paris 3.2.1892 (Erwähnung S.2). "Prairies à Gisors", 1885 gemalt, fängt den sommerlichen Blick über eine Wiese auf das Dorf Gisors ein, mit Sicht auf den Glo- ckenturm der Kirche von Saint-Gervais-Saint-Protais. Die ländli- che Ortschaft befindet sich in der Nähe von Éragny, einem kleinen Dorf am Fluss Epte gelegen, das vom Frühjahr 1884 bis zumTod Camille Pissarros 1903 sein Wohnsitz ist. Im Juli 1892 erwirbt Pissarro mit finanzieller Unterstützung von Claude Monet, seinem Freund und Nachbarn in Giverny, das Haus in Éragny. Der Umzug der Pissarros ist auch durch den Wunsch motiviert, der zuneh- mend urbanisierten und industrialisierten Umgebung von Paris zu entkommen. Éragny bietet eine ruhigere, ländlichere Umgebung, die Pissarros künstlerischer Sensibilität entgegenkommt und ihm unendlich viel Inspiration für seine Malerei gibt. In einem Brief an seinen Sohn Lucien vom 1. März 1884 drückt Pissarro seine Begeisterung über das neue Haus und die wun- derbare Landschaft aus:"Ja, wir haben uns für Éragny-sur-Epte entschieden. Das Haus ist wunderschön und nicht zu teuer: tausend Franken mit Garten und Feldern. Es liegt etwa zwei Stunden von Paris entfernt. Ich fand das Land viel schöner als Compiègne, obwohl es an diesemTag immer noch in Strömen regnete. Aber hier kommt der Frühling, die Felder sind grün, in der Ferne sind zarte Konturen zu erkennen. Gisors ist grossartig." (Übersetzt aus: Rewald, 1943, S. 58). Éragny wird zumMittelpunkt von Pissarros künstlerischer Erkun- dung und bietet eine Fülle von Motiven. Er malt seinen Garten, die Wiesen, benachbarte Dörfer wie Gisors und Bazincourt und die Arbeiter auf den Feldern. Diese ruhige, ländliche Landschaft steht in auffälligemGegensatz zu seinem vorherigen Wohnsitz in Pontoise und inspiriert Pissarro dazu, divisionistische Techniken zu entwickeln, die folgend in den späten 1880er-Jahren seine neoimpressionistischen Werke bestimmen sollten. 1892 wird das Werk "Prairies à Gisors" bei Durand-Ruel in Paris ausgestellt. Der Kunstkritiker Alfred Ernst schreibt über die Aus- stellung in der Zeitschrift "La Paix" und lobt speziell dieses Werk: "Nichts ist so reich, so üppig, so frisch und tiefgründig wie der Garten von Gisors, wo die Luft zirkuliert, das dichte Grün strei- chelt, unter einemweiten, unendlich hellen Himmel." (Übersetzt aus: Pissarro & Durand-Ruel Snollaerts, 2005, S. 522). Pissarros Werke aus seiner Éragny-Periode sind kunsthistorisch bedeutend und gelten als einige seiner besten Arbeiten. Die Gemälde fangen das Wesen des französischen Landlebens ein und veranschaulichen Pissarros Engagement für den Impressio- nismus und die Erforschung neuer künstlerischer Techniken, die später durch die Begegnung mit George Seurat und Paul Signac weiterentwickelt werden und nicht zuletzt auf die Kunst seiner Nachkommen grossen Einfluss nehmen. Das Gemälde gehört zu den Werken, die Pissarro für sich selbst zurückbehält und seiner Frau Julie Pissarro weitergibt. Das Werk geht dann an den gemeinsamen Sohn Lucien und schliesslich nach seinemTod an dessen Frau über. Es bleibt also bis in die 1950er-Jahre in der Künstlerfamilie. CHF 1 100 000 / 1 600 000 (€ 1 145 830 / 1 666 670)

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