Decorative Arts Donnerstag, 21. März 2024, 10.00 Uhr, Lot 1001– 1237

| 146 Decorative Arts | Antiken, Möbel, Pendulen, Tapisserien, Skulpturen, Silber und Porzellan det hatte. Bis 1806 hatte er bereits mehrere weitere Unterneh - men gegründet und beschäftigte 100 Mitarbeiter. Seine Kreati - onen wurden in Paris und London ausgestellt und an Kunden in Deutschland, Russland, der Türkei und China verkauft. Die Entwicklung mechanischer Singvogelautomaten geht auf einen amüsanten Modetrend des 17. Jh. zurück, dem die Damen der Gesellschaft folgten. Sie pefektionierten die Aufzucht und das Trainieren von Kanarienvögeln und betrieben das Kaufen und Ver - kaufen der Vögel nahezu als Sport, obwohl der Handel für Frauen der Oberschicht zu dieser Zeit verpönt, wenn nicht sogar streng verboten war. Ursprünglich wurden die Vögel von den Kanarischen Inseln importiert, aber später aufgrund der grossen Nachfrage, auch in Europa gezüchtet. Die Vögel aufzuziehen und ihnen das Singen beizubringen, war eine meisterhafte Disziplin, die viel Zeit und Hingabe erforder - te. Kanarienvögel singen von Natur aus, aber ihr Gesang kann erheblich verbessert werden, indemman sie wiederholt süssen Melodien aussetzt. Sie müssen schon in jungen Jahren von ande - ren Kanarienvögeln isoliert werden, und es muss ihnen regelmäs - sig Musik vorgespielt werden, ursprünglich mit einer Art Flöte, die Flageolett genannt wird. Die Kanarienvögel lernen die Lieder nicht Note für Note, sondern ahmen die Tonart und die Tonfolge sehr genau nach - wenn die Tonart für sie zu hoch ist, verletzen sie sich offenbar bei demVersuch, sie zu imitieren. Jean-Claude Hervieux de Chanteloup (1683–1747), ein Naturfor - scher und französischer Ornithologe, beschreibt die Ausbildung von Kanarienvögeln ausführlich in seinemmassgeblichen Buch „Nouveau Traité Des Sérins De Canarie, contenant La manière de les connoître & de les élever...” Paris, Fournier 1709 (Bibliothèque nationale de France, Catalogue général). In den Kapiteln 28 und 29 erklärt er, wie man Kanarienvögeln mit Hilfe einer Vogelorgel, der sogenannten Serinette (nach „serin”, dem altfranzösischen Wort für Kanarienvogel), das Singen beibringen kann. Diese Instrumen - te, die kleinen Drehorgeln ähneln, wurden speziell dafür erfunden, dass Kanarienvogelbesitzer ihren Vögeln das Singen beibringen konnten, ohne ihnen die Flöte vorspielen zu müssen. Dies war sicherlich ein Geschenk des Himmels für diejenigen, die nicht die Dienste eines professionellen Kanarienvogeltrainers wie de Chanteloup in Anspruch nehmen konnten, der empfahl, fünf oder sechs Lektionen pro Tag zu geben. Die Vogelorgel (Serinette) wurde bald mit den Vogelautomaten kombiniert, die oft in vergoldeten Käfigen präsentiert wurden. Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Serinette durch einen weitaus raffinierteren Mechanismus ersetzt, der mit Hilfe eines Schiebekolbens eine lebensechtere Vogelmelodie erzeugte und dessen Entwicklung Jaquet-Droz und Sohn zugeschrieben wird. Dies ermöglichte die Herstellung kleinerer und präziserer Uhr - werke wie das hier angebotene, das sich parallel zur Präzisions - uhrmacherei entwickelte, die in den kommenden Jahrhunderten zu einemwichtigen Element der Schweizer Wirtschaft und des Ansehens der Schweiz werden sollte (Vgl. Sharon und Christian Bailly, Flights of Fancy. Mechanische Singvögel, 2001). CHF 60 000 / 100 000 (€ 63 160 / 105 260)

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