Decorative Arts Donnerstag, 21. März 2024, 10.00 Uhr, Lot 1001– 1237
| 5 Figuren bewusstwurde. Die Grabplastiken entstanden im späten vierten und frühen dritten Jahrhundert v. Chr. Sie sind imVergleich zu den meisten griechischen Terrakotta- figuren ungewöhnlich gross. Weltweit gibt es weniger als 50 Exponate (die meisten davon in Museen), welche von der Wissenschaft als antik anerkannt sind. Erst in den letzten Jahrzehnten haben die Figuren aus Canosa vermehrt die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf sich gezogen. Violaine Jeammet, Kuratorin für griechische, etruskische und römi- sche Altertümer imMusée du Louvre, widmet sich intensiv diesen charakteristischen Klagefrauen. In ihrer Publikation „Quelques particularités de la production des pleureuses canosines en terre cuite“ skizziert sie anhand einer techni- schen Analyse, welche imWesentlichen die Herstellungs- weise reflektiert, drei Hauptgruppen Canosiner Klagefrauen. Die Vielfalt der Kleidung (Himation, Chiton bzw. kurz oder lang), Frisuren (Zöpfe, Scheitelfrisur), Mimik (ernst, aufge- löst, traurig etc.) und Gesten ermöglicht es ihr noch feinere ikonografische Gruppierungen vorzunehmen. Frederike van der Wielen-van Ommeren erwähnt in einemArtikel von 1999 wohl die vorliegende Klagefrau, welche 1981 auf dem Schweizer Kunstmarkt auftauchte. Sie schreibt die Figur einer Gruppe von Klagefrauen mit folgenden Merkmalen zu: „Gruppe II, Serie 4 kurzes bis mittellanges Himation, das bedeckt von einer Tunika ausser unter den Armen und das zwischen den Armen asymmetrische Faltenwürfe bildet; das Haar fällt in einer oder drei Strähnen herab“ (Vgl. Frederike van der Wielen-van Ommeren, „orantes canosines“, in: Genève et l‘Italie, Genf 1999, S. 56, Nr. 23). In Anbetracht der begrenzten Produktion ist es wahrschein- lich, dass die Canosiner Klagefrauen in derselben Werkstatt oder zumindest in eng miteinander verbundenen Werkstät- ten hergestellt wurden. Die Unterschiede imAussehen zei- gen wohl die Handschrift einzelner Handwerker. Die farbige Engobe belebte die Figuren und erweckte sie gewissermas- sen zum Leben. Über die genaue Funktion der Klagefrauen imTotenkult wird weiterhin diskutiert. Die Löcher, welche im Bereich der Basis sichtbar sind, deuten auch auf eine Benut- zung als Prozessionsstatuen bei Begräbnissen hin, indem die Statuen durch eine Holzkonstruktion geschultert werden konnten. Im Inneren des Grabes waren die Figuren um die Totenbare angeordnet, wo sie als ständige Begleiterinnen des Verstorbenen fungierten und durch ständiges Beten und Klagen den sicheren Übergang der Seele ins Jenseits gewährleisten sollten. Einige eindrucksvolle Exponate befinden sich in namhaften Museen und können als Vergleiche herangezogen werden. Was die Raffung bzw. der Faltenwurf des Gewands und die angewinkelten Arme gen Himmel betrifft, kann unsere Plas- tik mit einer Vierergruppe aus dem J. Paul Getty Museum verglichen werden (Inv.-Nr. 85.AD.76.1–4). Proportionen, Mi- mik, Pose und Details wie das schulterlange in zwei Strängen mittelgescheitelte Haar einer im Pariser Louvre befindlichen Pleureuse (Inv.-Nr. CA 7500) zeigt verblüffende Ähnlichkei- ten zu unserer. Bibliographie: - Violaine Jeammet, „Quelques particularités de la pro- duction des pleureuses canosines en terre cuite“, Revue Archéologique, 2003/2, S. 255-292. - Ruth Allen, „Science Reveals New Clues about Mysterious Ancient Sculptures of Mourning Women“, The J. Paul Getty Museum, 2019. - Mollard-Besques IV-I, Nr. D4116, Tafel 156a und D4116 Tafel 156c. - Frederike van der Wielen-van Ommeren, „orantes cano- sines“, in: Angela Kahn-Laginestra (Hg.) Genève et l‘Italie, Genf 1999, S. 44-65. CHF 20 000 / 30 000 (€ 21 050 / 31 580)
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