IMPRESSIONISMUS & MODERNE 21. JUNI 2024
3232 GUSTAV KLIMT (1862 Wien 1918) Stehendes Liebespaar – Kompositionsstudie für die "Erfüllung" des Stoclet-Frieses. 1907/08. Bleistift auf Papier. Unten rechts mit dem Nachlassstempel: GUSTAV / KLIMT / NACHLASS. 55,5 × 37,3 cm. Provenienz: - Privatbesitz Österreich. - Privatbesitz Schweiz. - Schweizer Privatbesitz, 2014/15 von Obigem erworben. Ausstellung: Essen 1976, Gustav Klimt. Zeichnungen aus Albertina- und Privatbesitz, Museum Folkwang, Nr. 97. Literatur: - Alice Strobl: Gustav Klimt. Die Zeichnungen, 1904–1912, Bd. II, Salzburg 1982, S. 180, Nr. 1809 (mit Abb.). - Hans H. Hofstätter: Gustav Klimt. Erotische Zeichnungen, Köln 1979, Nr. 9 (Abb. 8). 1905 erhält Gustav Klimt den Auftrag, für den Speisesaal des von Josef Hoffmann für Adolf Stoclet erbauten Palais in Brüssel einen riesigen, dekorativen Fries zu entwerfen. Die beiden Längsseiten des Esszimmers sind je 2 Meter hoch und 7,4 Meter lang. Der Fries wird schliesslich 1909–11 un- ter der Aufsicht des Künstlers in der Wiener Werkstätte aus feinsten Materialien wie Silberblech, Korallen, Halbedel- steinen, Goldmosaik und farbigen Fayencen ausgeführt. Die "Erfüllung (Umarmung)" ziert den figuralen Teil der rechten Längsseite im Speisesaal. Das sich innig umar- mende Liebespaar ist längst zur Kunstikone geworden. Bei der hier vorliegenden Zeichnung handelt es sich um eine der nicht verwendeten Kompositionsstudien für eben- diese Erfüllung. Erstaunlich ist zunächst mal die beachtli- che Grösse für eine Studie, die sich aber in Anbetracht der realen Masse des Frieses erklären lässt. Mit wenigen, skizzenhaften Strichen werden das stehende Paar und der später reich verzierte Umhang des Mannes nur angedeutet. Interessant, dass mit dem Kopf des Man- nes ausgerechnet der Teil etwas detaillierter ausgeschaf- fen wird, der in der Endfassung gar nicht mehr sichtbar wird, beziehungsweise nur noch ansatzweise von hinten als ein schwarzer Fleck. Auch Haltung sowie Gestik des Paares suggerieren eine komplett andere Aussage als die der finalen Version: Im Gegensatz zum dort eng umschlungenen und quasi eins gewordenen Liebespaar finden wir hier ein mit Span- nung aufgeladenes Paar. Die Frau wirft den Kopf in maxi- maler Dehnung nach hinten in den Nacken, grösstmög- liche Distanz zwischen sich und dem Kopf des Mannes schaffend; der rechte Arm des aufrechtstehenden Mannes ist erhoben und sogar leicht nach hinten gedreht, wodurch die beiden Körper zusätzlich voneinander entfernt werden. Die offenen Augen des Mannes fixieren die Frau mit her- ausforderndem, stechendem Blick. CHF 50 000/80 000 (€ 51 000/81 600) 42
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