IMPRESSIONISMUS & MODERNE 21. JUNI 2024

3235 MARIANNE VON WEREFKIN (Tula 1860–1938 Ascona) Romantische Landschaft mit Reitern. Um 1915. Öl und Tempera auf Holz. Unten rechts monogrammiert: MW. 56,5 × 74,4 cm. Provenienz: - Galerie & Edition Schlégl, Zürich. - Sammlung Bühler, Landhaus Waldbühl, Uzwil, am 20.12.1972 in obiger Galerie erworben. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, flüchten Werefkin und Jawlensky in die Schweiz, wo sie sich vorerst in St. Prex niederlassen. In dieser kleinen Gemeinde am Gen- fersee entsteht auch das vorliegende Werk. Werefkin, als Bestandteil der Gruppe des Blauen Reiters, orientiert sich gleichzeitig an der Malerei des Symbolismus und wird in- spiriert durch die farbgewaltigen Werke von Gauguin, den Nabis, van Gogh, Edvard Munch und Ferdinand Hodler. Das zur Auktion kommende Werk ist ein fantastisches Bei- spiel für Werefkins einzigartiges Kunstverständnis und ver- eint verschiedene biografische wie künstlerische Aspekte. Als Geflüchtete in St. Prex, ein Ort, der offensichtlich nur als Zwischenstation diente, und indem sie zusammen mit Jawlensky, zwei Dienstmädchen und dem Kind Jawlenskys (die Mutter ist eines der Dienstmädchen) in einer unge- wohnt kleinen Wohnung, mit einer aufgrund des Krieges halbierten Pension und einem über die Gesamtsituation jammernden Jawlensky lebte, muss für Werefkin schwierig gewesen sein. Diese Grundstimmung und das Unheil des Krieges transportiert sie auf eine fesselnde Weise in ihre Gemälde dieser Zeit. Werefkin gelingt es, in "Romantische Landschaft mit Rei- tern" eine Art Oxymoron zu konstruieren – eine apokalyp- tische Märchenwelt, in der sowohl das Düstere als auch das Freudige Platz findet. Die stimmungsvolle Hügelland- schaft, die von Bäumen gesäumt wird und in dessen Mitte in weiter Ferne das Märchenschloss sitzt, überzeugt unter anderem durch kontrastreiche Farben, die in vibrierender Manier auf den Holzuntergrund aufgetragen sind. Die Ent- scheidung, nicht-naturalistische Farben zu verwenden, zeigt das gemeinsame Bestreben von Werefkin und ande- ren Symbolisten, die Farbe von ihrer rein beschreibenden Funktion in der Malerei zu befreien. Stattdessen wird da- nach gestrebt, die äussere Welt mit der subjektiven Wahr- nehmung des Künstlers zu verschmelzen. Auf diese Weise vertieft Werefkin die persönliche, menschliche Bindung, die ihr Werk durchzieht. Besonders speziell und für die Künstlerin exemplarisch ist die Wahl der verdrehten Perspektive, die in ihrer An- wendung stark an die Gemälde Edvard Munchs erinnert. Durch die geschwungenen Farbflächen, die alle in die Mit- te münden, verstärkt sich das Gefühl, von der Landschaft verschlungen zu werden. Ein wunderbares Detail, welches ebenfalls grosse Interpre- tationsfläche bietet, ist die Darstellung der Reiter in dem Bild. Der Reiter als etabliertes Hauptsymbol der Künstler- gruppe "Der Blaue Reiter" steht für Freiheit per se. Er reprä- sentiert die ständige Bewegung und die Suche nach neu- en künstlerischen Ausdrucksformen. Auf dem Werk sind zwei Reiterpaare zu sehen; das Reiterpaar oben links, ganz klein auf dem höchsten Hügel stehend, steht am Anfang seiner Reise. Das zweite Paar, womöglich dasselbe, aber in der Zukunft, galoppiert auf seinen Pferden die Strasse entlang in Richtung des Schlosses, ohne zu wissen, wie lange der Weg noch dauert. Ob es sich dabei vielleicht um Werefkin und Jawlensky selber handelt, die trotz schwie- riger Umstände stets rastlos auf der Suche nach neuer künstlerischer Stimulation sind, oder vielleicht doch um die vier apokalyptischen Reiter, die den Untergang der Welt an- kündigen, sei den Betrachtenden selbst überlassen. CHF 100 000/150 000 (€ 102 000/153 100) 48

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