IMPRESSIONISMUS & MODERNE 21. JUNI 2024

aus dem 18. Jahrhundert, dessen Frühwerk ebenfalls eine Vorliebe für dieses Thema zeigt. Wenn Darstellungen des Sujets in der Vergangenheit bis- her zwar unterschiedlich behandelt wurden, wurzeln alle in verschiedenen Traditionen des Realismus, denen das Bestreben gemeinsam ist, die Austern in einer veristischen Weise darzustellen. Stattdessen versucht Braque, die Gren- zen der traditionellen Formen des Realismus entscheidend zu alternieren. Dies gelingt ihm durch die Simplifizierung der Formen, welche die Grenzen der Ungegenständlich- keit ausloten oder durch den punktuellen Einsatz der gel- ben Farbe der Zitrone, welche eine bewusste Disharmonie in der Gesamtkomposition provoziert. Auf eindrückliche Weise können wir auf der Rückseite von "Huître et citron" (1958) anhand eines spätkubistischen Werks mit dem Titel "Femme à table" (ca. 1925) die Auslo- tung visueller Grenzen anhand eines weiteren Stilllebens nachvollziehen. Stillleben waren von Anfang an das kubisti- sche Thema par excellence, bei dem Georges Braque mit- hilfe von gemalten oder collagierten Alltagsgegenständen visuelle Realitäten brechen, verfremden, fragmentieren und neu arrangieren konnte. Seine Stillleben gewannen nach dem 1. Weltkrieg eine surrealistisch-symbolistische Note. Dieses neue Element lässt sich auf unserem Werk ebenso beobachten. Braque erzeugt mit dem Einsatz eines fragmentierten Gesichts im Profil auf der rechten Bildhälfte und eines dekomponierten Stilllebens auf der linken Seite sowie durch gemalte Buchstaben ein enigmatisches Ge- samtwerk. CHF 200 000/300 000 (€ 204 100/306 100) 77

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