GEMÄLDE DES 19. JAHRHUNDERTS 20. SEPTEMBER 2024

Diese erzeugte Spannung macht gemeinsam mit der pointierten Charakterisierung des Advokaten das vorliegende Gemälde zu einer der eindrücklichsten Arbeiten in Öl auf Leinwand, die Dau- mier im Laufe seiner mehr als 50 Jahre andauernden künstleri- schen Laufbahn schuf. "L’avocat lisant" sticht insoweit aus jenem Themenkomplex innerhalb des Gesamtwerks von Daumier her- vor, in welchem sich der Künstler insbesondere im Medium der Lithografie mit der satirischen Darstellung von Gesetztesvertre- tern befasst. Aufgrund seines gesellschafts- und regierungskritischen Werkes wurde Daumier im Laufe seiner Schaffensphase vielfach zensiert und 1832 wegen einer satirischen Darstellung, die König Louis- Philippe I. (1773–1850) als Gargantua – den unersättlichen Fres- ser und Säufer – zeigt (Abb. 1), sogar zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Auch deshalb begegnete Daumier zeit seines Lebens der französischen Justiz mit einer gewissen Abnei- gung, gleichzeitig aber auch mit einer Faszination gegenüber der Jurisprudenz und deren Akteuren. Als Grundlage für seine kritische Auseinandersetzung mit dem Rechtssystem im Paris des 19. Jahrhunderts dienten Honoré Dau- mier nicht nur seine eigenen Erfahrungen vor Gericht. Nach sei- ner Haftentlassung begann er zudem auch öffentlichen Gerichts- prozessen im Palais de Justice, das sich unweit seines auf der Île Saint-Louis gelegenen Ateliers befand, beizuwohnen. Daumier gelang es dabei, die Eigenheiten in den Pariser Gerichtssälen tref- fend einzufangen und bissig zu kommentieren. So hielt Daumier in seinem künstlerischen Werk nicht nur die teils absurde The- atralik bei der Prozessführung fest, er setzte sich auch mit dem Machtmissbrauch gelangweilter oder bestechlicher Richter aus- einander. In den 1840er-Jahren etwa veröffentlichte Daumier die Lithographie-Serie mit dem Titel "Gens de Justice" (1845–1848), die sich äusserster Beliebtheit erfreute, seine Karriere als Künstler zusätzlich antrieb und ihn darin bestärkte, sich auch weiterhin in seinem künstlerischen Werk mit der Pariser Justiz zu befassen. In Daumiers Lithographie "Grand escalier du Palais de justice" (Abb. 2), die 1848 im Rahmen dieser Serie erschienen ist, sind bereits einige bildkompositorische Elemente zu erkennen, die Daumier später in dem hier angebotenen Gemälde wieder auf- griff. So entdecken wir im Hintergrund rechts oberhalb der gros- sen Treppe einen Pfeiler, der demjenigen in unserem Gemälde ähnelt und dem dieselbe Funktion innerhalb der beiden Kunst- werke zukommt: Er verdeutlicht die Macht und die Stabilität des Rechtsstaates. Auch die Figur eines Juristen, die links im Hinter- grund hastig die Treppe hinaufeilt, taucht in abgewandelter Form im vorliegenden Los auf. Hier sind es die Schemen zweier Advo- katen, die dem Gemälde ein narratives Element verleihen und zu- sätzliche Spannung erzeugen. Das etwa zwanzig Jahre nach der Lithographie-Serie "Gens de Justice" entstandene Werk "L'avocat lisant" kann somit als eine öl- malerische Weiterentwicklung und reifere Neuinterprätation der Advokatendarstellungen aus Daumiers druckgrafischem Werk betrachtet werden. Abb. 1 Honoré Daumier, Gargantua, 1831, Kreidelithografie, 27,4 × 36,6 cm. © Städel Museum, Frankfurt a. M. Honoré Daumier, Fotografie von Nadar, um 1857. © Bibliothèque nationale de France. Inv. EO-15 (4)-PET FOL. Abb. 2 Honoré Daumier, Grand escalier du Palais de Justice, 1848, Kreidelithografie, 34,6 × 26,5 cm. © Städel Museum, Frankfurt a. M. 166

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