GEMÄLDE ALTER MEISTER 20. SEPTEMBER 2024
3032* JAN STEEN (1626 Leiden 1678) Fröhliche Gesellschaft vor einem Wirtshaus. Öl auf Holz. Unten rechts signiert: JS (ligiert) teen. 40,4 × 50 cm. Provenienz: - Sammlung von Nell. - Durch Erbfolge an heutige Besitzer, Europäische Privatsamm- lung. Ausstellung: Museum Wiesbaden - Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur, 2008–2024, Dauerleihgabe. Dieses Gemälde ist ein Frühwerk von Jan Steen, in dem der Künst- ler, der vor allem für seine humorvollen Gesellschaften geschätzt wurde, bereits die Charakteristik seiner Malerei vor Augen führt. Dr. Fred G. Meijer datiert diese Szene in die frühen 1650er-Jahre und vermutet, dass dieses Gemälde für den offenen Markt geschaffen wurde und die Beliebtheit solcher Themen in dieser Zeit belegt. Die Szene spielt sich vor einem belebten Gasthaus mit einer Land- schaft im Hintergrund ab. In der Mitte der Komposition tanzt ein fröhliches Paar zum Rhythmus der Musik, die von einem Geiger gespielt wird. Die grosse Vielfalt an Figuren, nämlich die zwei Kin- der mit ihren Spielzeugen, die die Szene beobachten, der betrun- kene Mann mit offenem Hosenschlitz, der von seiner Frau gestützt wird und der lächelnde Grossvater, der ein kleines Kind umarmt, ist repräsentativ für Steens feine Beobachtung der menschlichen Art. Dieses in weichen Farbtönen gemalte Bild ist ein ausserge- wöhnliches Beispiel für Steens frühe Technik und Malstil. Während die späteren Werke in einer eher feineren Detailvielfalt gemalt sind, zeichnen sich die frühen Gemälde, zu denen auch dieses hier an- gebotene zählt, durch markante Gesichtszüge in einer freien vir- tuosen Malweise aus. Stilistisch vergleichbar mit unserer Darstel- lung ist ein weiteres Frühwerk von Jan Steen, "Bauern tanzen vor einem Gasthaus" im Mauritshuis, Den Haag (um 1646–48, Öl auf Holz, 40,2 × 57,5 cm, Inv.-Nr. 553), bei dem die Bewegungen der Tänzer und die lachenden Gesichter in einer wirkungsvollen Weise die fröhliche Stimmung widerspiegeln. Jan Steen wurde um 1626 in Leiden in einer katholischen Bierbrauer- eifamilie geboren und erlebte so aus erster Hand das fröhliche Treiben in den Kneipen und Gasthäusern, die seine Eltern für ihre Geschäfts- beziehungen aufsuchten. Er erhielt eine Ausbildung als Maler und war 1648 Mitbegründer der St. Lukas-Malergilde in Leiden, die sich zu einem wichtigen Zusammenschluss professionalisierter Künstler entwickelte. Arnold Houbraken (1660–1719), der Biograf der berühm- testen holländischen Künstler des 17. Jahrhunderts, beschrieb ihn als "farcenhaft" und "immer fröhlich im Geiste" und stellte fest, dass "er in der Lage war, mit seinem Verstand und seinem Pinsel Dinge aus- zudrücken, sowohl in Bezug auf die Naturdarstellung als auch auf die Malweise, die Bewunderung verdienen" (Arnold Houbraken: The great theatre of the Netherlandish painters and paintresses, 1718. Online Übersetzung 2021, Bd. 1, S. 374). Der Geiger dieses Gemäl- des weist Ähnlichkeiten mit Steens eigenen Gesichtszügen auf, was auf dessen Ehrgeiz hindeuten könnte, sich selbst schon in einem frü- hen Stadium seiner Karriere in seine Kompositionen einzubeziehen. Dieses Objekt ist auch durch seine besondere Provenienz at- traktiv, da es sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie von Nell befunden hat. Der früheste Vorfahre lässt sich bis 1643 mit Christian Nell in Wallersheim bei Koblenz zurückverfolgen. Er baute sein Vermögen als Flösser und Holzhändler auf, ein Ge- schäft, das seine Nachkommen über Generationen fortführten. Kaufleute wie er, versorgten die Städte entlang des Flusses mit Eichen- und Buchenstämmen für verschiedene wirtschaftlich be- deutsame Bauwerke. Die enge Verbindung zu den Niederlanden, die mit diesem Beruf verbunden ist, legt nahe, dass Christian von Nell, sein Sohn Peter Christian oder einer ihrer Nachkommen das Gemälde von Steen auf dem niederländischen Markt gekauft ha- ben könnten. Während des Dreissigjährigen Krieges unterstützten die Flösser, die durch ihren Handel reich wurden, die Fürsten und Städte finanziell. Zum Dank für seine Verdienste verlieh Kaiser Karl VI. dem Sohn Peter Christian Nell 1709 den ritterlichen kaiserlichen und erblichen österreichischen Adel als von Nell zu Thomena- cher und hob damit den sozialen Status der rheinischen Linie der Familie. Der Kaiser erkannte das mit einer Ähre und einem Delphin bzw. Wal geschmückte Wappen der von Nells an (siehe Abb. 1). Seit 2008 bis zuletzt befand sich das Gemälde mit der fröhlichen Gesellschaft von Jan Steen als Dauerleihgabe im Museum Wies- baden und war dort in den Räumlichkeiten des Museums für die Öffentlichkeit ausgestellt. Das Gemälde ist im RKD, Den Haag, als eigenhändiges Werk von Jan Steen unter der Nummer 313806 archiviert. CHF 60 000/100 000 (€ 63 160/105 260) Abb. 1: Wappen der von Nells © Wappensammlung Weller 56
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