GEMÄLDE ALTER MEISTER 20. SEPTEMBER 2024

3033* ROELOF KOETS d. Ä. (um 1592 Haarlem 1655) Bankett-Stillleben. Öl auf Holz. 83 × 115 cm. Provenienz: - Privatsammlung, Schweden. - Auktion Bukowski’s, Stockholm, 5.11.1975, Los 33. - Kunsthandel Richard Green, London, 1976-1980. - Europäische Sammlung. Literatur: Nicolaas R.A. Vroom: A Modest Message as Intimated by the Painters of the 'Monochrome Banketje', Schiedam/ Nürnberg 1980, Bd. I, S. 144, Abb. 192 und Bd. II, S. 47, Nr. 215 (als Cornelis Cruys und fälschlicherweise auf Leinwand). Auf einem Tisch, der teilweise mit einem weissen Leinen- tuch bedeckt ist, liegen eine Weintraube und ein umge­ stossener Zinnkrug, ein Silberbecher und ein Zinnteller mit einem Pfirsich auf einer zerknitterten Serviette. In der Mitte steht ein Becher mit einem Glas Weisswein, dahinter ein kleiner Teller mit Oliven, ein Weissbrot und, von hinten nach vorne, ein kleines Senfglas, ein Teller mit einem auf- geschnittenen Schinken, an den ein Messer gelehnt ist, dessen Messerhalter auf dem Tischtuch liegt und davor ein paar Haselnüsse. Am anderen Ende des Tisches steht eine Wanli-Porzellanschale, gefüllt mit weissen und roten Johannisbeeren, Stachelbeeren und Pfirsichen. Ein paar Erdbeeren liegen in der Nähe der Tischkante verstreut. Niederländische Betrachter des 17. Jahrhunderts bezeich- neten solche aufwendigen Präsentationen von Lebensmit- teln und Geschirr als "banket" (Bankettstück) und einfa- chere Stücke als "ontbijtje" (Frühstücksstück). Obwohl der Eindruck entsteht, dass die Tischgäste gerade gegangen sind, stellen diese Tischstillleben keine Beschreibungen von tatsächlichen Mahlzeiten dar. Dies zeigt sich beispiel- haft in dem hier angebotenen Stillleben, in welchem der Künstler Lebensmittel aus verschiedenen Jahreszeiten, wie Erdbeeren, Pfirsiche und Trauben in einer Komposition zu- sammenstellt. Darin zeigt sich die Sorgfalt des Künstlers, möglichst vielfältige Elemente so zu arrangieren, dass die technische Virtuosität des Künstlers zum Ausdruck kommt. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei in dem vergolde- ten Becherhalter (bekerschroef). Dieser kostbare Gegen- stand ist ein Wunderwerk der Handwerkskunst und stellt einen pummeligen Bacchus dar, der auf einem Weinfass balanciert und ein riesiges Weinglas hält, aus dem drei Arme entspringen, die ein halb gefülltes Berkemeyer-Glas halten. Becherhalter wurden bei festlichen Anlässen he- rumgereicht, um auf die Freundschaft anzustossen. Die schiere Höhe eines solchen Glashalters ermöglichte es, dass das Glas vom ganzen Tisch aus zu sehen war und die festliche Stimmung hervorzuheben vermochte. Dieses Objekt taucht in einem vergleichbaren Stillle- ben von Koets' Haarlemer Kollegen Pieter Claesz (um 1597–1660) aus dem Jahr 1645 auf (Sotheby’s, New York, 28.1.1999, Los 309). Weder Koets noch Claesz konnten sich wahrscheinlich einen bekerschroef leisten, sodass sie das Objekt von einem Goldschmied oder einem wohlha- benden Besitzer geliehen haben dürften. Heutzutage sind nur sehr wenige bekerschroeven aus dem 17. Jahrhun- dert überliefert. Ein ähnliches Exemplar von Andries Grill (1604–1665) aus dem Jahr 1642 wird im Kunstmuseum in Den Haag aufbewahrt (Inv.-Nr. 0153887). Obwohl unser gedeckter Tisch im Vergleich zu den üppi- gen Stillleben von Koets' flämischen Kollegen wie Frans Snyders (1579–1657) und Adriaen van Utrecht (1599–1652) relativ bescheiden aussieht, spiegelt er doch Wohlstand wider. Die abgebildeten Speisen und Utensilien sucht man auf dem Tisch des armen Mannes vergeblich. Zinn- geschirr war auch in bürgerlichen Haushalten üblich, aber der schön gravierte Silberbecher ist eine Kostbarkeit. Auch Lebensmittel, wie Oliven, Haselnüsse und Weisswein, wa- ren importierte Luxusprodukte. Bei dem Brötchen handelt es sich um das so genannte wittebrood (Weissbrot), das weich, süss und geschmackvoll war und die teuerste Brot- sorte darstellte. Das bekannte Œuvre von Roelof Koets, das nicht mehr als etwa zwanzig Gemälde umfasst, besteht zu einem grossen Teil aus Bankettstücken, wie unser Gemälde. Ein sehr frü- hes Beispiel von 1625 ist noch inspiriert von Floris van Di- jck (um 1575–1651), einem Haarlemer Pionier des Genres. Alle anderen sind jedoch später entstanden und lehnen sich eng an Pieter Claesz an, mit dem Koets gelegentlich zusammengearbeitet hat. Die meisten dieser Werke sind unsigniert. Die Trauben und Reben, die ein luftiges Blätter- dach bilden und auch in unseremWerk zu sehen sind, sind als sein Markenzeichen zu deuten. Dr. Fred G. Meijer bestätigt die Eingenhändigkeit anhand einer Fotografie, wofür wir ihm danken. CHF 40 000/60 000 (€ 42 110/63 160) 60

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