GEMÄLDE ALTER MEISTER 20. SEPTEMBER 2024
lisierte Handwerker und reiche Kaufleute. Im lutherischen Frankfurt fühlten sie sich nicht recht wohl, doch die Nähe zur wichtigen Mes- se wollten sie auch nicht missen. Der weitsichtige Graf hoffte auf einen wirtschaftlichen Aufschwung für sein Land durch das wert- volle Wissen und Können dieser Spezialisten und lockte mit Glau- bensfreiheit und neuer Infrastruktur. Denn sie verpflichteten sich vertraglich dazu, sich rege am Aufbau einer vom Grafen neben der Hanauer Altstadt ab 1597 gegründeten Ansiedlung zu beteiligen. In diese Neustadt mit schachbrettartigem Grundriss wurden sie ein- gebürgert und produzierten und importierten begehrte Luxusgüter. Der Dreissigjährige Krieg sollte bald an den neuen Festungsmau- ern des Städtchens rütteln; keine guten Zeiten für einen Stillleben- maler, sollte man meinen. Doch die Werke Isaak Soreaus und sei- nes Bruders Peter, der sich später in Frankfurt einbürgern liess und dort ein Atelier betrieb, zeichneten sich durch wiedererkennbare Elemente aus, etablierten sich als "Marke" mit erhöhtem Bekannt- heitsgrad und waren daher bei mächtigen adligen Kunstsammlern gefragt. Zeugten sie doch durch ihre nie überladene Komposition von feinem und vornehmen Geschmack und waren gleichzeitig mit der naturgetreuen Darstellung von Blumen, Früchten und Tie- ren ein wahres Sinnesfest. Die fünf menschlichen Sinne Riechen, Tasten, Schmecken, Hören und Sehen in einem Bild darzustellen ist ein anspruchsvolles und im Barockzeitalter wichtiges künstle- risches Ziel. Isaak Soreau setzt es in unserem Stillleben perfekt um. Wir meinen das leise Summen der Fliege zu hören, die sich auf der aufgebrochenen Aprikose links niedergelassen hat, glau- ben die Frucht riechen zu können. Die samtigen Hüllen der Ha- selnüsse am vorderen Bildrand verführen dazu die Bildoberfläche zu berühren. Was wir sehen, spricht aber auch unseren Verstand an. Früchte des frühen Sommers, wie Kirschen und Aprikosen mit den im Herbst reifenden Trauben und Haselnüssen in einer Dar- stellung zu kombinieren, das macht die Täuschung von Körper und Geist gleichermassen zum Bildthema. Isaac Soreau hat das Motiv des mit Trauben beladenen Zinntel- lers und einigen im Vordergrund angeordneten Früchten auf Holzgrund mehrfach variiert. In einer um 1980 in Paris bekannt gewordenen Version (siehe dazu Bott, 2001, Nr. IS.10, S. 175) stellt er ihm eine Glasvase mit Blumen bei. Bei der unserer Version am nächsten kommenden Variante "Traubenteller mit Pfirsichzweig" (Bott, 2001, Nr. IS.9, S. 174) liegt rechts neben dem Teller noch ein Messer. Dieses mit 36 × 51 cm deutlich kleinere Gemälde befindet sich heute in der Alten Pinakothek München (Inv.-Nr. 7053). CHF 70 000/100 000 (€ 73 680/105 260) 97
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