GRAFIK & MULTIPLES AUKTION 28. NOVEMBER 2024

3608 FÉLIX VALLOTTON (Lausanne 1865–1925 Paris) La Paresse. 1896. Holzschnitt. 52/180. Unten rechts mit blauem Farbstift signiert: fvallotton, sowie unten rechts im Block mono- grammiert: FV, und unten links im Block betitelt: LA PARESSE. Darstellung 17,8 × 22,3 cm auf bräunlichem Vélin 24,8 × 31,8 cm. Provenienz: Privatsammlung Schweiz. Werkverzeichnis: Vallotton/Goerg, Nr. 169.a. Félix Vallottons Holzschnitte, die zwischen 1890 und 1900 entstehen, zeigen anschaulich seine künstlerische Her- kunft: Sie können durchaus als Grundsteinlegung für sein späteres feines Gespür für Proportion und Linie im grösse- ren Format des Gemäldes betrachtet werden. Wenn auch das harte Schwarz-Weiss der Xylographien nicht weiter von den sanft komponierten Farbkontrasten seiner künfti- gen Gemälde entfernt sein könnte, so erkennt man bereits in seinen Druckgrafiken die Vorliebe zur perspektivischen Verhandlung zwischen Fläche und Tiefenräumlichkeit. Was seine Grafiken ausserdem ganz deutlich zeigen, ist sein Talent zur Reduktion der Formen auf und durch ihr Wesentlichstes: Die Linie. Seine Holzschnitte sind dadurch geprägt von einer zeitlosen Klarheit, deren grafischer Charakter seine Darstellungen bis heute augenfällig und modern hält, während diese aber zeit- gleich oft auch vor opulenter Textur nur so strotzen. Seine Arbeit "La Paresse" aus 1896 zeigt ebenfalls beides: Ein wohlgeformt rundlicher Körper räkelt sich wohlig auf verschiedenst gemusterten Kissen, die auf einem bunt ge- scheckten Überwurf drapiert sind. Die Figur streckt sich fast lasziv einem ebenso langgestreckten Katzenkörper entgegen. Während die üppigen Textilien beinahe tastbar scheinen, so bleibt die Menschenhaut ein glatter kühler Kiesel in deren Mitte. Neben der interessanten Ausgestaltung der Szene wird aber auch direkt klar: Diese Grafik erzählt mehr als nur das Offensichtlichste. Als Teil der progressiven Gruppe der Nabis, zu der sich Vallotton neben anderen wie Bonnard oder Vuillard zählte, war er fasziniert von Metaphern und Symbolismus. Wo der Titel zunächst eine träge und faule Person verloren in schläfriger Langeweile vermuten lässt, finden die Betrachtenden schliesslich eine munter mit ei- nem Kätzchen spielende Dame vor. Obwohl der Körper zwar an einen typischen Frauenakt denken lässt, so dürfte er dennoch weniger erotisierend gemeint sein, sondern eher Verbindungen zu revolutionäreren Darstellungen wie etwa Ingres grosser Odaliske (1814) aufmachen. Ähn- liches lassen die scheinbar kindlich-naiv bis kokett in die Luft geworfenen Beinchen der Figur vermuten. Ganz deut- lich findet aber auch eine Parallelisierung zum gestreckten Katzenkörper statt: Zwei sich räkelnde glatte helle Körper, getrennt durch beinah überquellendes Textil, aber doch im Spiel miteinander verbunden. Auf dieses Spiel, das auf eine Vielzahl gelesen werden kann und darf, weist auch das zwischen den beiden platzierte Muster des Überwurfes hin, das ganz eindeutig an ein Schachbrett erinnert. Wäh- rend also einerseits ein clever platzierter kunsthistorische Rückgriff mit Anspielung auf revolutionäre Strömungen der Erneuerung, ganz im Geiste der Nabis, stattfindet, so wird gleichzeitig ein wahres Potpourri an Interpretationsmög- lichkeiten der gezeigten Szene eröffnet. "La Paresse" ist ein wunderbares Werk, das nicht nur op- tisch Anreiz gibt, sondern auch einen kunsthistorisch spannenden Hintergrund bietet. Durch Vallottons zeitlose Symbolsprache und seine tiefgründig metaphorisch aufge- ladenes Sujet hat dieses Blatt zudem auch nach fast 130 Jahren an Aktualität nicht eingebüsst: "La Paresse" kann auch in den aktuellen Zeiten der steten Erreichbarkeit und des steigenden Anspruchsdenkens eine Einladung sein zur Reflektion über das Spannungsfeld zwischen Trägheit und Entspannung sowie zwischen Performancedruck und der Notwendigkeit von Ruhe und Rückzug. CHF 20 000/30 000 (€ 21 050/31 580) 8

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