DECORATIVE ARTS 27. MÄRZ 2025

1116 EINTÜRIGER PRUNKSCHRANK AUS DER EHEM. SAMMLUNG VON WALTHER RATHENAU Barock, Deutschland, wohl Berlin, 1. Drittel 18. Jh. Dem Umkreis Martin Böhme zuschreibbar. Birkenmaser und Nussbaum sowie graviertes Messing reich und fein eingelegt in Form von Blattranken, Bandelwerk, Muschel, Fi- lets sowie bekrönter Kartusche. Leicht trapezförmiger Korpus mit gekröpftem, kanneliertem und profiliertem vorragendem Kranz auf ausgeschnittener Zarge und geschweiften Beinen mit Volutenfüs- sen. Die vier Ecken mit Pilastern und geschnitzten korinthischen Kapitellen, die vorderen schräggestellt. Front mit geschweifter Türe. Die Seitenwandungen bombiert. Messingprofilleisten. Eisen- schloss mit einem Schlüssel. Innen mit blauer Seide ausgeschla- gen. Ca. 133 × 77 × 234 cm. Provenienz: - Sammlung Walther Rathenau (1867–1922), Berlin. - Auktion Sotheby's Zürich, 10.12.1996, Lot 310 (dort beschrieben als "hochbedeutender königlicher Prunkschrank"). - bedeutender Schweizer Privatbesitz, wohl an obiger Auktion erworben. Literatur: Max Osborn: Moderne Bauformen. Das Haus Walther Rathenau in Berlin-Grunewald. In: Monatshefte für Architektur und Raumkunst. November 1912, S. 473 (mit Abb.). Wenige fehlende Teile an Marketerie sowie kleinere Fehlstellen. Restaurierungen und kleine Ergänzungen. Unterteil sowie Rück- wand im 19. Jh. ergänzt. Interessanterweise ist unser Schrank auf einem Foto aus dem Mo- natsheft "Moderne Bauformen" aus dem Jahr 1912 abgebildet. Das Foto entstand in der Villa von Walther Rathenau in Berlin-Grune- wald und zeigt den Schrank im damaligen Salon des Erdgeschos- ses. Walther Rathenau (1867–1922) war ein deutscher Industriel- ler, Politiker, Denker und Kunstkenner mit jüdischen Wurzeln. 1912 wurde Rathenau zum Vorsitzenden des AEG-Aufsichtsrates ge- wählt. Er spielte nicht zuletzt als Parteiangehöriger der linkslibera- len DDP und ab Februar 1922 als Aussenminister eine bedeutende Rolle während der Weimarer Republik. Am 24. Juni 1922 wurde Ra- thenau Opfer eines antisemitisch und rechtspolitisch motivierten Mordattentates. Dieser aus Walther Rathenaus privater Kunstsammlung stam- mende Schrank besticht durch seine einzigartige Erscheinung. Die sonderbare Form mit nur einer Tür, der gedrungene Sockel auf kurzen Volutenfüssen und die qualitativ hochstehenden Mes- singeinlagen, welche an die französische Boulle-Technik erinnern, suchen in der deutschen Möbelkunst des 18. Jh. ihresgleichen. In der Katalogbeschreibung von Sotheby’s Zürich (10.12.1996, Lot 310) wird basierend auf dem Einsatz der Messingeinlagen der Berliner Hofschreiner Martin Böhme als Urheber dieses Schranks vermutet. Böhme stammte aus Eisleben und erwarb 1723 das Berliner Bürgerrecht. Als Hoftischler der Königin Sophie Dorothea stattete er unter anderem das Schloss Monbijou aus. Die bekrön- te Wappenkartusche deutet laut Sotheby’s auf eine wohlmöglich königliche Auftragsarbeit, wobei aufgrund der Absenz eines Mo- nogramms oder Wappens dies im Bereich der Spekulation bleibt. Die Einlegearbeiten unseres Schrankes orientieren sich wohl auch an englischen Vorbildern eines Thomas Potters, wobei eine direkte Verbindung schwierig herzustellen ist. Die Qualität wie auch die Ästhetik der verschiedenen Hölzer kom- men durch die feinen aber teils auch grossflächigen Filets-Einlagen zur Geltung. Diese Verwendung der Hölzer in Kombination mit den eingelegten feinziselierten Messingornamenten, die bekrön- te Messingkartusche sowie die korinthischen Kapitelle zitieren des Weiteren Carl Maximilian Matterns Arbeiten (Vgl. Hans-Peter Treschel/Wolf-Christian von der Mülbe: Meisterwerke fränkischer Möbelkunst. Carl Maximilian Mattern, Würzburg 1982). CHF 10 000/15 000 (€ 10 640/15 960) Quelle: Ausschnitt aus Max Osborn: Moderne Bauformen. Das Haus Walther Rathenau in Berlin-Grunewald. In: Mo- natshefte für Architektur und Raumkunst. November 1912, S. 473 (mit Abb.). 108

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