DECORATIVE ARTS 27. MÄRZ 2025
Die kyrillischen Annotationen unterhalb der Spieltische so- wie die bezeichnete Papieretikette verweisen auf das Schloss Gattschina als Ursprungsort. Das 1781 auf Anweisung von Zarin Katharina der Grossen fertiggestellte Schloss liegt in der Nähe von Sankt Petersburg und wurde nach dem Geschmack von Graf Grigori Grigorjewitsch Orlow, einem Günstling Katharinas, ausgestattet. Wie für damalige Verhältnisse üblich, orientierten sich die Königshäuser am französischen Ge- schmack. Obwohl unsere Spieltische französische Stilelemente der Transition-Epoche inkorporieren, ist die robuste Konstruk- tion und die stämmigen Proportionen sowie die Einlegearbei- ten eine eigenwillige, wohl russische Lösung. Einer der Tische ist gemäss einem Auktionskatalog von Sotheby's auf einem Aquarell von K.A. Ukhtomsky aus dem Jahre 1947 abgebildet, aufgestellt in der Halle bei der Rüstkammer. Wie die Tische den Palast verlassen haben, ist unklar. Es kann spekuliert werden, ob im Zuge der russischen Revolution ab 1917 und der staatlichen Aneignung von Kulturgütern aus dem Zarenhaus durch die neue sowjetische Regierung, die Spieltische im Ausland verkauft wurden. Berühmt berüchtigte Auktionshäuser, allen voran das "Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions- Haus", durfte direkt vor Ort durch eigene Agenten Kunstgegen stände aus russischen Schlössern selektieren und diese in Berlin im Auftrag der Sowjets versteigern. Diese sog. Russenauktionen nahmen 1928 ihren Höhepunkt, als für den 60. Jahrestag des Auktionshauses Kunstwerke aus russischen Museumsbeständen und Schlössern, darunter auch der Gattschina Palast, verkauft wurden (Vgl. Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions-Haus: Kunstwerke aus den Beständen Leningrader Museen und Schlösser (Nr. 2000): Eremitage, Palais Michailoff, Gatschina u.a. Berlin 6./7. November 1928). CHF 20 000/30 000 (€ 21 280/31 910) 178
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