DECORATIVE ARTS 27. MÄRZ 2025

1003* GROSSES KYKLADENIDOL Frühkykladisch, Fundort wohl Keros (Griechenland). Spedos-Typ, ca. 2500–2400 v. Chr. Dem Goulandris Meister zugeschrieben. Marmor. Grosses weibliches Idol-Fragment. Lyraförmiger Kopf mit markanter, langgezogener Nase direkt übergehend in die fliehen- de Stirn, harmonisch gerundetes Kinn. Langer, leicht verdickter Hals (restauriert). Abfallende Schulterpartie, der Schulteransatz auf leicht unterschiedlicher Höhe. Breiter Torso mit kleinen, weit auseinander liegenden gespitzten Brüsten. Die schmalen Arme verschränkt unter der Brust. Bauch leicht bombiert, gekerbte Unterbauchfalte übergehend in stilisiertes Schamdreieck. Leicht kurvige Oberschenkel mit tief gekerbtem Oberschenkelspalt. Rückseitig mit sichtbaren, gekerbten Oberarmspalten. Gerader Rücken mit leicht bombiertem Gesäss sowie tief gekerbtem Ober- schenkelspalt. Mit späterem Metallgestell. H ohne Montierung 42,6 cm. Provenienz: - Anonymer Besitz London, vor September 1977 (gem. Kopie einer Karteikarte). - Ars Antiqua SA, Genf, im September 1977 von obigem erworben (gem. Kopie einer Karteikarte). - Schweizer Privatbesitz. Ausstellung: - Oliver Forge & Brendon Lynch: Fragments from the Tiber to the Ganges. Ausstellungskatalog 3.-10. Juli 2015, Abb. 46. - Präsentiert auf der TEFAF in Maastricht, 2021/2022. Literatur: Patricia Getz-Preziosi: Sculptures of the Cyclades: Individual and Tradition in the Third Millennium B.C. University of Michigan, 1987, Pl. 34, Nr. 22 (Abbildung des Torsos ohne Kopf). Kopf und Torso möglicherweise assortiert. Nasenspitze ergänzt. Kopfabschluss und rückseitig mit Ausbrüchen. Oberhalb des Knies mit Abbruchkante. Verwitterungen. Marmoridole der kykladischen Kulturen gehören zu den erstaun- lichsten und mysteriösesten Artefakten der Jungsteinzeit und frü- hen Bronzezeit. Benannt sind die Figuren nach ihren Fundorten auf den kykladischen Inseln Griechenlands, weshalb sich für diese einzigarten Kultobjekte der Name "Kykladenidol" etabliert hat. Die- se überwiegend weiblichen Statuetten in verschiedenen Grössen und Ausformungen zeichnen sich durch eine abstrahierte Stilisie- rung des menschlichen Körpers aus und versetzen durch die re- duzierte Formensprache auch heute noch das moderne Auge ins Staunen. Über deren genauen Funktion wird in der Forschung wei- terhin spekuliert. Patricia Getz-Preziosi, seit den 70er Jahren eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kykladenidol-Forschung, betont in ihren zahlreichen Studien, dass die Ikonografie der Idole keine ein- deutigen Hinweise auf eine spezifische religiöse Funktion liefert. Stattdessen könnte ihre Bedeutung je nach Kontext variieren. Die Betonung auf weibliche Formen wie die spitzen Brüste, die leicht bombierten Bäuche, eingeritzte Schamdreiecke und teils ausla- dende Hüften legt eine Lesart als Fruchtbarkeitsfiguren nahe. Ein wichtiger Aspekt, den Getz-Preziosi hervorhebt, ist die ästhetische und materielle Dimension der Idole. Ihre glatt behauene Oberflä- che und die Verwendung von hochwertigem Marmor lassen dar- auf schliessen, dass die Statuetten nicht nur symbolische, sondern auch repräsentative Funktionen hatten. Die Entdeckung von Pig- mentresten deutet zudem darauf hin, dass die Idole ursprünglich bemalt waren, was ihre visuelle Wirkung erheblich verändert ha- ben muss. Die ersten Erzeugnisse werden in die Zeit um 5000 v. Chr. datiert, wobei der künstlerische Höhepunkt um 2500 v. Chr., während der frühkykladischen II Periode der Keros-Syros-Kultur erreicht wird (ca. 2700–2400/2300 v. Chr.). In dieser Zeit wird die typische Grundform, wie sie beispielhaft an unserem Exemplar nachvoll- ziehbar ist, kanonisiert. Colin Renfrew schlägt Ende der 1960er Jahren vier Typen frühkykladischer Idole vor, geordnet nach de- ren chronologischen Erscheinung: 1. "Kapsalatyp", 2. "Spedostyp", 3. "Dokathismatatyp" (wobei der Spedos- und Dokathismatatyp gleichzeitig auftreten können) und 4. "Chalandrianityp" (Colin Ren- frew: The Development and Chronology of the Early Cycladic Fi- gurines. In: American Journal of Archaeology 73, 1969, S. 1–32). Unsere Figur wird zur Spedos-Variante gezählt. Patricia Getz-Preziosi hat in ihren Studien gezeigt, dass diese Typen nicht nur chronologische Entwicklungen widerspiegeln, sondern auch Hinweise auf unterschiedliche Werkstatttraditionen geben. In einem 1987 publizierten Beitrag schreibt sie den Torso unseres Exemplars dem Goulandris Meister zu. Er ist unter der Nummer 22 ohne seinen Kopf illustriert (Patricia Getz-Preziosi: Sculptors of the Cyclades: Individual and Tradition in the Third Millennium B.C. University of Michigan, 1987, Pl. 32, Nr. 22). Benannt nach der griechischen Privatsammlung, welche zwei komplette Idole des Meisters beherbergt, hat sie einen Korpus von rund 100 Ido- len und Idol-Fragmenten zusammengestellt, die die Handschrift dieses Meisters tragen. Nach heutigem Wissensstand sind es ca. 4

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