DECORATIVE ARTS 27. MÄRZ 2025

50 Exemplare, die dem Goulandris Meister zugeschrieben werden. Gerade zu euphorisch äusserst sich Getz-Preziosi über den Goulandris Meister, sei er doch "einer der besten Skulpteure seiner Zeit" (Ebd. S. 99). Die Figuren aus seiner Hand zeichnen sich durch ein robustes Erscheinungsbild mit weichen, subtilen Konturen aus. Sauber eingeschnittene Li- nien markieren die Horizontalität von Kinn, Dekolleté, Bauch, Knien und Knöcheln. Der Kopf hat die klassische Form einer Lyra und ist geprägt durch eine markante, langgezogene Nase mit halbrunder Nasenspitze, die oft ziemlich tief im Gesicht liegt. Die Arme sind schmal, die kleinen Brüste weit ausein- ander platziert. Der Bauchbereich ist durch eine breite Linie definiert, die die Spitze eines kleinen Schamdreiecks bildet. Dem Goulandris Meister zugeschriebene Idole weisen teils signifikante Unterschiede in der Grösse auf. Das kleinste Idol misst 16,5 cm; das mit Abstand Grösste aus der Kopenhage- ner Glyptothek 98 cm. Unser Idol platziert sich mit einer Torso- grösse von 29 cm im oberen Bereich. Dies ist für Getz-Preziosi ein weiteres Qualitätsmerkmal: "It would seem that the smal- ler, less elaborate, thicker figures of the Goulandris Master re- present an early phase of his development, while the larger, thinner, more detailed, more carefully planned and modeled works (e.g. […], 22 [unser Exemplar]) represent the Master’s highest attainments" (Ebd. S. 104). DemGoulandris Meister zugeschriebene Idole oder Idol-Frag- mente stammen grösstenteils von zwei Inseln, nämlich Naxos und Keros. Aus dem Beitrag von Getz-Preziosi geht hervor, dass unser Stück aus Keros kommt (Ebd. S. 108). Unser Idol befand sich laut einer handschriftlichen Notiz auf einer Kopie einer Karteikarte mit dazugehörigem Foto bis zum 8. Novem- ber 1977 in einer anonymen, englischen Privatsammlung und gelang als Tauschgeschäft (Währungsangabe in Pfund) in den heutigen Schweizer Privatbesitz. Die Wiederentdeckung kykladischer Skulpturen erfolgte im 19. Jahrhundert. Die Exponate gelangten in die Sammlungen von grossen Museen wie dem Louvre in Paris und dem British Museum in London, wo sie für die Kunstschaffenden der Mo- derne eine neue Inspirationsquelle darstellten. Ihre abstrakte Natur, ihre Reduktion und Simplizität strahlen eine Zeitlosig- keit aus. Einflüsse kykladischer Kunst erkennen wir in den Skulpturen von Pablo Picasso, Constantin Brancusi, Amedeo Modigliani, Alberto Giacometti und Henry Moore. Es verwun- dert kaum, dass kykladische Idole aufgrund ihrer zeitüberdau- ernden Eleganz und mystischen Strahlkraft längst Einzug in moderne und zeitgenössische Kunstsammlungen hielten. CHF 350 000/600 000 (€ 372 340/638 300) 7

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