IMPRESSIONISMUS & MODERNE 27. Juni 2025

In pointilistischer Manier zaubert Paul Signac in "Saint-Tropez, port en fête" eine traumhafte Ansicht des festlich geschmückten Hafens von Saint-Tropez mit knallbunten Flaggen und im Licht vi- brierenden Segeln auf die Leinwand. Im Hintergrund ist das Städt- chen mit seinem berühmten Glockenturm zu sehen. Die Darstel- lung besticht durch eine harmonisch abgestimmte Farbgebung verschiedener Blautöne, in die gezielt Weiss, Rosa und ein paar kontrastreiche Rot-Gelbtöne eingearbeitet sind, die demWerk eine freudige Lebendigkeit einhauchen. Die Perspektive lässt erahnen, dass die Ansicht auf einem Boot entstanden sein könnte und kata- pultiert die Betrachtenden mitten ins sanfte Gewässer des Hafens hinein. Das Gemälde entsteht im Jahr 1895 und gehört zu den frü- hesten grossformatigen Arbeiten dieser Schaffensperiode. In Paris geboren und bis in die frühen 1890er-Jahre auch dort sesshaft, wendet sich Paul Signac im Alter von nur 18 Jahren nach einem abgebrochenen Architekturstudium vollständig der Male- rei zu. Die Begegnung mit Claude Monet und Georges Seurat im Jahr 1884 bei der Organisation des ersten "Salon des Artistes In- dépendants" ist für den weitgehend autodidaktisch ausgebildeten Künstler prägend. Während er Monets atmosphärische Malweise bewundert, entspricht das konstruktive, wissenschaftlich basierte Arbeiten Seurats stärker seiner eigenen Auffassung. Es folgt eine tiefe Freundschaft und ein fruchtbarer künstlerischer Austausch, der schliesslich in die später als Neo-Impressionismus bezeichne- te Malerei mündet. Seurat und Signac interpretieren den klassischen Impressionis- mus neu, indem die lebhafte, spontane Pinselführung der Im- pressionisten durch einen neuen, systematischeren Ansatz ab- gelöst wird. Ein Malprozess, der auf Struktur und Dauerhaftigkeit abzielt. Sie suchen nicht nur den flüchtigen Eindruck, sondern streben nach einemwissenschaftlich fundierten Verständnis von Farbe und Licht. Sowohl Signac als auch Seurat widmen sich mit grosser Leidenschaft der Erforschung farblicher Wirkungen, die auf den physikalischen Gesetzen des Lichts und den Prinzipien der Wahrnehmung beruhen. Sie sind überzeugt, dass die geziel- te Kombination reiner Farbpunkte, der Pointillismus, eine beson- dere optische Lebendigkeit erzeugen kann. In seiner wegwei- senden Schrift "D’Eugène Delacroix au néo-impressionnisme" (1899) formuliert Signac dieses Ziel als eine "vollständige Harmo- nie des Werkes“, die durch das ausgewogene Zusammenspiel von Kontrast, Schattierung und Leuchtkraft erreicht wird. Nach dem frühen Tod seines Weggefährten Georges Seurat im Jahr 1891 sucht Paul Signac Abstand vom Pariser Kunstbetrieb. Die Erschöpfung, die ihn nach Jahren intensiver Arbeit und un- ablässigen Engagements für den Neo-Impressionismus einholt, und die Trauer wegen des Hinschieds Seurats mündet in einem Entschluss, der seine Kunst nachhaltig prägen sollte: Er verlässt Paris und macht sich im Frühjahr 1892 per Segelboot auf den Weg gen Süden. Paul Signac am Hafen von St. Tropez, um 1895. Bild: archives Signac 40

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