IMPRESSIONISMUS & MODERNE 27. Juni 2025

Die Reise ist zugleich ein Rückzug und eine Suche – inspiriert unter anderem durch die Reiseliteratur von Guy de Maupassant, der das Mittelmeer als Ort der Stille, Schönheit und Erholung beschreibt. Signac segelt mit seiner Yacht "Olympia" durch Frankreichs Was- serwege bis zur Mittelmeerküste und erreicht schliesslich Saint- Tropez, damals ein kleines, ruhiges Fischerdorf, weit entfernt vom Lärm und der Hektik der Grossstadt. Das Örtchen trifft ihn wie eine Offenbarung. In einem Brief an seine Mutter schreibt Signac begeistert von seinem neuen Zuhause: ein einfaches Häuschen inmitten von Pinien und Rosen, mit Blick auf das glitzerndeMeer und eigenemAnkerplatz. Die Umgebung – das Licht, die Farben, die unberührte Natur – bietet ihm nicht nur Erho- lung, sondern wird zur künstlerischen Inspirationsquelle. "Glück – das ist es, was ich gerade entdeckt habe", schreibt er. Saint-Tropez wird zu seinem Zuhause und zum Zentrum seines Schaffens, zu einem Ort, an dem er seinen pointillistischen Stil weiterentwickelt: farbintensiver, lichtdurchfluteter, freier in der Komposition. Das vorliegende Werk "Saint-Tropez, port en fête" vereint exem- plarisch Signacs ausgefeilte Technik mit seiner Hingabe für die Schönheit Saint-Tropez' und ist ein wunderbares Beispiel eines frühen Werks, wo Signac bereits zu seiner eigenen, unverkennba- ren Handschrift gefunden hat. Zwar ist der Einfluss Seurats noch spürbar, doch zeigt sich hier bereits jener freiere, individuelle Stil, der schliesslich zu Signacs farbexplosiven Spätwerken führt. Das Gemälde ist imWerkverzeichnis von Cachin zwar aufgeführt, jedoch ohne Abbildung, da es dem Signac-Archiv bislang nur in Form einer kleinen Tusche-Skizze bekannt war (vgl. Abb.). Die nun wiederentdeckte endgültige Fassung des Gemäldes stellt somit eine bedeutende Neuentdeckung dar: Das Werk wurde zuletzt 1912 öffentlich erwähnt, als es von der Pariser Galerie Bernheim- Jeune an einen bekannten Münchner Sammler verkauft wurde, der durch geschäftliche Aufenthalte in Berlin, Paris und Belgien Kontakte zu wichtigen Kunstkreisen knüpfte. Bereits früh sam- melte er französische Romantiker, Impressionisten sowie auch deutsche Expressionisten. Heute befinden sich mehrere Werke, die ursprünglich aus seiner Sammlung stammen, in öffentlichen Museen wie dem Leopold Museum in Wien oder der neuen Pi- nakothek in München. Das Gemälde von Signac behielt er seit dem Kauf bei Bernheim-Jeune in seinem Privatbesitz und zeigte es weder in Publikationen noch machte es der Öffentlichkeit in Ausstellungen zugänglich. Das Gemälde blieb bis heute in priva- tem Besitz und wird nun, nach über 110 Jahren, erstmals wieder öffentlich präsentiert. Die Tusche-Skizze, unter der das Werk bisher bekannt war. Bild: archives Signac Video zu diesem Werk Paul Signac auf seinem Boot "Olympia", um 1895. Bild: archives Signac 42

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