POST-WAR & CONTEMPORARY 26. Juni 2025

3423 JEAN TINGUELY (Fribourg 1925–1991 Bern) Musical Baby Machine. 1991. Eisenplastik mit Elektroinstallation, bunten Glühbirnen, Scheinwerfer, Rollen, Holzelementen, Kinderspielzeug, Antriebsriemen, Kabelbindern und Klebeband. 200 × 160 × 130 cm. Provenienz: - Privatsammlung Milena Palakarkina. - Dubinsky Fine Arts, Zürich. - Privatsammlung Schweiz, in obiger Galerie 1994 erworben. Wir danken dem Institut de Recherche - Comité Jean Tinguely für die Bestätigung der Authentizität des Werks, Basel, 28.4.2025. Jean Tinguely ist eine Schlüsselfigur der kinetischen Kunst und zählt zu den innovativsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Seine Werke verbinden Bewegung, Klang und Technik zu einem dynamischen Kunstverständnis, das traditionelle Vor- stellungen von Skulptur und Plastik radikal hinterfragt. Beein- flusst durch die Fluxus- und Happening-Bewegung, versteht Tinguely Kunstwerke prozessual und nicht als abgeschlosse- ne Objekte. Seine Plastiken spiegeln dieses Kunstverständnis eindrücklich wider: Sie wirken lebendig, ruckeln, kreischen, drehen sich und thematisieren dabei den Wandel, die Insta- bilität und die Vergänglichkeit des Kunstwerks selbst. Seine Arbeiten sind allerdings mehr als blosse Maschinen – sie sind performative Akteure, die Kunst, Technik und Kritik an der Mo- derne miteinander verknüpfen. Sie machen die Betrachtenden zum Teil eines ephemeren Prozesses und hinterfragen die auch in den aktuellen Tagesdebatten stets präsenter werden- de Thematik des Verhältnisses von Mensch, Maschine und Technologie. Nach seinem Studium in Basel zieht Tinguely in den 1950er- Jahren nach Paris, wo er sich mit Vertretern der Avantgarde austauscht und seine ersten mechanischen Plastiken entwi- ckelt. Ein zentraler früher Werkkomplex sind die in dieser Zeit entstandenen "Méta-Matics", die er ab 1959 fertigt: elektrisch betriebene Maschinen aus Schrottteilen, die autonom Zeich- nungen erzeugen. Auch Werke wie "Hommage à New York" (1960), eine sich selbst zerstörende Skulptur, führen die Idee der Selbstauflösung und dessen Ironie als zentrale Aspekte seines Schaffens vor Augen. Tinguely versteht sich dabei als humorvoll-subversiver Impulsgeber einer bewegten, prozes- sualen Kunst, die über das Objekt hinausweist und den künst- lerischen Akt selbst ins Zentrum rückt. Selbiges gilt auch für die Arbeiten, die nun zur Auktion kom- men: Die "Musical Baby Machine" (Los 3423) erweckt den Eindruck eines frühen Androiden, der mit seinen leuchtenden Glühbirnen und dem integrierten Kinderspielzeug wohl zur Betreuung und Begleitung kleiner Kinder entworfen zu sein scheint. Ähnlich spielerisch, aber sensorisch anspruchsvoller ist die kompaktere Plastik "Bibip" (Los 3430): Frei nach dem Motto "Nomen est Omen" verfügt das Werk über zwei elekt- rifizierte Plastikhörner, die den Titel der Skulptur zum Besten geben. Die dritte elektrifizierte Arbeit "Viva Niki" (Los 3428) aus dem Jahr 1989 ist als Kollaboration von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle ein beeindruckendes Werk und Zeuge ihrer innigen privaten wie auch beruflichen Verbindung. Im vorlie- genden Werk trifft Tinguelys kinetische Plastik auf ein Nana- Multiple Saint Phalles und verschmilzt zu einem einzigartigen Werk, das Technik, Körperlichkeit und soziale Kritik auf aus- gefallene Weise kombiniert. Neben diesen drei skulpturalen Arbeiten, werden zudem auch zwei Zeichnungen (Los 3426 und 3427) sowie ein Gemälde (Los 3462) in der Sommeraukti- on aufgerufen, die eine weitere Dimension von Jean Tinguelys Schaffen, seine zweidimensionalen farbenfrohen Arbeiten auf variierenden Bildträgern, par excellence illustrieren. CHF 60 000/90 000 (€ 63 830/95 740) 28

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