POST-WAR & CONTEMPORARY 26. Juni 2025
3435 JEAN DUBUFFET (Le Havre 1901–1985 Paris) Site avec deux personnages (F 146). 1982. Acryl und Collage auf Papier, fest aufgelegt auf Leinwand. Unten rechts monogrammiert und datiert: J.D. 82, sowie auf dem Keilrahmen nummeriert: F146. 67 × 99,5 cm. Provenienz: - Waddington Galleries, London (verso mit dem Etikett). - James Corcoran Gallery, Santa Monica (verso mit dem Etikett). - Karsten Greve Galerie, Köln (verso mit dem Etikett). - Privatsammlung Schweiz, in obiger Galerie erworben. Ausstellung: London 1983, Jean Dubuffet. A retrospective, Waddington Galleries, Oktober 1983, Kat. Nr. 46 (mit Abb.). Literatur: Max Loreau: Catalogue des traveaux de Jean Dubuffet - Sites aléatoires (fasciule XXXV), Paris 1986, S. 73, Nr. 142 (mit Abb.). Der französische Maler, Bildhauer und Kunsttheoretiker Jean Dubuffet zählt zu den bedeutendsten Impulsgebern der Kunst des 20. Jahrhunderts. Als Hauptvertreter der Art Brut gehört er zu den einflussreichsten Künstlern der europäischen Nach- kriegszeit. Wie ein Vermittler steht er zwischen der poetischen Bildsprache von Paul Klee oder Max Ernst und den delikaten Oberflächen der informellen Kunst der 1950er-Jahre. In ausser- gewöhnlichem Masse eröffnet er der modernen Kunst neue Wege – als würden die Utopien der Avantgarde in Dubuffets Werken Gestalt annehmen und Wirklichkeit werden. Im Alter von 40 Jahren macht Jean Dubuffet die Bekanntschaft von Le Corbusier, mit dem er später eine Reise durch die Schweiz unternimmt. Dubuffet hat genug von der etablierten Kunstwelt. Zwar folgt er in gewisser Weise der surrealistischen Auffassung, indem er seine Kunst von westlichen Vorstellungen von Ästhetik und Moral befreit, doch versucht er, diesen Gedan- ken weiter zu vertiefen. Er will eine rohe Kunst, "art brut", schaf- fen – frei, unbeeinflusst, naiv, fernab akademischer Ausbildung und ästhetischer Wertmassstäbe. Sein Interesse für das Abseitige – wie die Kunst von Aussen- seitern, die autodidaktischen Werke von Laien, Kindern, Men- schen mit geistiger Behinderung oder das kreative Potenzial von Strassenkunst – hat die allgemeine Wahrnehmung bis heute nachhaltig verändert. Diese Ausdrucksformen sollen zur Grundlage für den von ihm ab 1945 geprägten Begriff der "Art Brut" werden. Dubuffet eignete sich eine umfangreiche Samm- lung dieser Werke an, die heute in der "Collection de l'Art Brut" in Lausanne besichtigt werden kann. Beeinflusst von den Gemälden Jean Fautriers, arbeitet Dubuf- fet in seinen frühen Werken mit einer ähnlichen Herangehens- weise an der Textur der Farben. Er verwendet Mischtechniken aus Kies, Sand und Teer, um eine dickflüssige Farbmaterie zu erzeugen. In seinen figurativen Anfängen zeigen seine Sujets die umliegenden Dorflandschaften – kindlich anmutende Dar- stellungen von Kühen und bäuerlichen Figuren eingeschlos- sen. Später wendet er sich städtischen Szenen und ihren Be- wohnern zu, die zunehmend groteske Züge annehmen: Durch übersteigerte Proportionen geraten sie zur Karikatur. Nach einer Reise in die Sahara malt er Menschen der Wüste mit auffallend aufgeblähten Körperformen. Diese setzt er in eine zarte, oberflächliche Struktur, die den Übergang zu seinen völ- lig ungegenständlichen Serien, "Texturologies" und "Matério- logies" markiert. Ab 1962 erweitert Jean Dubuffet seinen künstlerischen Kos- mos. Der Schritt von den satten, erdigen Naturfarben der 1950er-Jahre hin zu den poppigen, farbintensiven rot-blau- weissen Hourloupe-Bildern erscheint auf den ersten Blick wie ein Bruch. Seine Gebilde wirken nun kleinteiliger und formaler. Doch trotz der zellenartigen Raster, der breiten, meist schwar- zen Umrisslinien und der Imitation organischer Strukturen bleibt sich Dubuffet treu. Es entsteht eine Vielzahl einzelner Formen, zumeist abstrakt, teils mit figurativen Elementen. Du- buffets Bildsprache nähert sich dem Puzzle – und wird zum Ornament. Unser vorliegendes Gemälde aus dem Jahr 1982, "Site avec 2 personnages", stammt aus jener Phase seines Spätwerks, in der Dubuffet wieder auf Elemente seines Frühwerks zurück- greift. Mit der farbenfrohen Palette der Hourloupe-Serie und expressivem Duktus gestaltet er zellenartige Hintergrundland- schaften. Die zwei collagierten "Personnages" (Figuren) sind stark vereinfacht und abstrahiert. Sie erscheinen in einer kind- lichen, primitiven Form, die an seine frühen Art Brut-Werke erinnern, die jedoch in einen entwickelten, komplexeren und formelleren Kontext eingebettet sind. CHF 150 000/250 000 (€ 159 570/265 960) 46
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