POST-WAR & CONTEMPORARY 26. Juni 2025
"Mona Lisa" gehört zu einer kleinen Serie von Werken, in denen sich Botero intensiv mit dem Bild der "Gioconda" auseinandersetzt. In dieser Phase, noch vor dem endgül- tigen Durchbruch seines "Boterismus", dient ihm das Motiv als Projektionsfläche für seine formalen und malerischen Experimente. Bereits 1961 wird das verwandte Gemälde "Mona Lisa, Aged 12" (Abb. 1) vomMuseum of Modern Art in New York angekauft – ein Meilenstein in der internatio- nalen Rezeption des kolumbianischen Künstlers. Mit subtilem Witz und formaler Strenge verbindet Botero in diesem Werk kunsthistorische Referenz und persönli- che Handschrift. Die Zeichnung steht exemplarisch für seinen frühen Zugang zur westlichen Kunsttradition, die er sich während seines Aufenthalts in Europa 1953/54 aneignet. Seine Auseinandersetzung mit den Alten Meis- tern – von Leonardo da Vinci über Velázquez bis Piero della Francesca – verbindet er mit einem modernen, beinahe popkulturellen Blick auf Ikonen der Kunstgeschichte. So verweist BoterosMona Lisa nicht nur auf Leonardo, son- dern auch auf die Strategien der Moderne: von Duchamps ironischer "L.H.O.O.Q." bis zu Warhols serieller Ikonenver- wertung. Botero kommentiert – mit lateinamerikanischer Eigenständigkeit – die Kommerzialisierung der Kunstbilder und deren Status als kulturelles Allgemeingut. Diese seltene und frühe Zeichnung dokumentiert eine künstlerische Schlüsselmomentaufnahme: Die Entstehung einer unverwechselbaren Formensprache – und eines Werks, das sich mit feiner Ironie und malerischer Qualität in die lange Rezeptionsgeschichte der Mona Lisa einreiht. CHF 250 000/350 000 (€ 265 960/372 340) Abb. 1. Mona Lisa, Age Twelve. 1959. Öl und Tempera auf Leinwand. 211 x 195,5 cm. Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence. 62
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