POST-WAR & CONTEMPORARY 26. Juni 2025
und Sand auf Leinwand. Der Sand, den er der Farbe beimischt, verleiht der Oberfläche eine körnige, stoffliche Struktur – eine taktile Qualität, die seine Motive (Stoffe, Haare, Leder, Holz) beinahe greifbar macht. Die reliefartige Textur wirkt wie eine bewusste Betonung der Materialität des Dargestellten, ohne ins Dreidimensionale zu kippen. Sie verstärkt die Spannung zwischen Nähe und Abstraktion, zwischen Dinghaftigkeit und Ornament. Die Farbpalette ist meist gedämpft, oft auf wenige Erdtöne, Grau- und Beigenuancen reduziert. Farbigkeit dient bei Gno- li nicht der Emotionalisierung, sondern der Konzentration auf Form, Fläche und Rhythmus. Seine Bilder entstehen in einem hoch kontrollierten Prozess, der mit genauen Zeichnungen und vorbereitenden Studien beginnt (siehe Abb. 2). Die end- gültige Komposition basiert häufig auf einer extremen Nah- sicht – ein Kragen, ein Haarscheitel, eine Rückenlehne – iso- liert vom Körper und Kontext. Das vorliegende Werk, "Zipper no. 2", aus dem Jahr 1968 ist ein Vorzeigebeispiel aus der bedeutendsten Werkphase: die frontale und vertikale Nahaufnahme des Reissverschlusses ist kein dekoratives Detail, sondern als zentrales Bildelement inszeniert. Ein Reissverschluss, möglicherweise in einem Klei- dungsstück, wie etwa einer Jacke, Rock, Kleid oder Hose ein- genäht, ist in der Darstellung nun so stark vergrössert, dass der gewohnte Massstab aufgehoben wird. Was normalerwei- se übersehen wird, drängt sich nun den Betrachtenden auf – es dominiert die Bildfläche mit unerwarteter Präsenz. Gnoli interessiert sich nicht für die narrative Funktion des Zip- pers, sondern für seine formale und metaphorische Dimen- sion. Als mechanisches Verbindungselement steht der Reis- sverschluss symbolisch für das Öffnen und Schliessen, für Zugang und Verhüllung, für Intimität und Distanz. Er markiert eine Grenze, eine Nahtstelle, an der zwei Seiten zueinander- finden – oder sich voneinander trennen. Der Reissverschluss besitzt in "Zipper no. 2" auch eine fast skulpturale Qualität. Seine Zähne wirken wie architektonische Module, klar geglie- dert und rhythmisch angeordnet. Im Jahr 1968 lebt und arbeitet Domenico Gnoli in Deià, einem malerischen Dorf auf der spanischen Insel Mallorca. Dort hat er sich 1963 mit seiner Ehefrau Yannick Vu niedergelassen. Sein Atelier befindet sich in einem ehemaligen Landhaus. In dieser Umgebung entstehen viele seiner charakteristischen Werke. Auf seiner Terrasse in s’Estaca auf Mallorca, lässt er sich häufig mit seinen fertigen Werken fotografieren. Ein Foto entsteht im Winter 1968 mit "Zipper no. 2" (siehe Abb. 3). Dieses Gemälde ist zwar verso von Hand des Künstlers mit "Zip" betitelt, dennoch ist dieses Werk unter "Zipper no. 2" be- kannt, als zweites Gemälde mit einem Reissverschluss-Motiv. Obwohl er bereits 1970 im Alter von nur 36 Jahren stirbt, hin- terlässt er ein Werk, das in seiner formalen Stringenz und thematischen Tiefe nach wie vor zeitlos erscheint. Während seiner kurzen, aber intensiven Karriere wurde Gnoli vor allem durch seine Ausstellungen in Paris, New York City, Brüssel und Kassel international bekannt. Die Zusammenarbeit mit promi- nenten Galeristen wie Alexandre Iolas und Sidney Janis (siehe Abb. 4) war entscheidend für seinen Status als "Künstler zwi- schen den Welten" – zwischen Europa und Amerika, zwischen Surrealismus und Pop Art, zwischen Illustration und Malerei. CHF 1 000 000/1 500 000 (€ 1 063 830/1 595 740) Abb. 2. Skizze Zu “Zipper no. 2”, 1968. © Abb. 1 - Abb. 4: Photograph courtesy Domenico Gnoli Archives Mallorca, Sa Bassa Blanca Museum, Alcudia. Abb. 3. Der Künstler auf seine Terrasse in s’Estaca mit “Zipper no. 2 “, 1968. Abb. 4. Ausstellung in der Sidney Janis Galerie, 1969. Video zu diesem Werk: 90
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