GRAFIK & MULTIPLES 26. Juni 2025

3729 ANDY WARHOL (Pittsburgh 1928–1987 New York City) Detail of Renaissance Paintings (Sandro Botticelli, Birth of Venus, 1482). 1984. Farbserigrafie. 3/70. Unten links mit Bleistift signiert: Andy Warhol. Darstellung 63,5 × 94 cm auf festem Vélin von Arches Aquarelle 81,3 × 111,9 cm. Erschienen bei Editions Schellmann & Klüster, München. Gedruckt von Rupert Jasen Smith, New York City. Blatt 3 aus der 4-teiligen gleichnamigen Serie. Werkverzeichnis: - Feldman/Schellmann, Nr. II.318. Andy Warhols vierteilige Serie "Details of Renaissance Paintings (Sandro Botticelli, Birth of Venus)" aus dem Jahr 1984 markiert einen signifikanten Wendepunkt in der späten Schaffensphase des Künstlers, in der er sich intensiv mit der europäischen Kunst- geschichte auseinandersetzt. In dieser Werkgruppe widmet sich Warhol zentralen Ikonen der Alten Meister – darunter Leonardo da Vinci, Paolo Uccello und Piero della Francesca – und inter- pretiert diese durch die Linse seiner charakteristischen Pop-Art- Ästhetik neu. Warhol extrahiert dabei emblematische Details aus kanonisierten Meisterwerken und überführt sie in einen neuen kulturellen Kon- text, der von serieller Reproduktion, grellen Farbkontrasten und der Ästhetik der Konsumkultur geprägt ist. In der vorliegenden Farbserigrafie wählt er einen stark vergrösserten Ausschnitt der Venus-Figur aus Botticellis berühmter Geburt der Venus. Indem er sich auf das Gesicht der Göttin konzentriert, verschiebt er die Perspektive vom narrativen Gesamtkontext hin zur ikonischen Nahaufnahme. Die Verwendung untypischer, leuchtender Farben sowie die serielle Vervielfältigung betonen die Spannung zwi- schen Original und Reproduktion, zwischen historischer Hoch- kultur und zeitgenössischer Massenästhetik. Warhols Zugang zu Botticelli ist dabei weit mehr als eine post- moderne Hommage. Vielmehr handelt es sich um eine bewusste künstlerische Aneignung, in der der sakrale Status eines der be- deutendsten Werke der westlichen Kunsttradition in die Bildspra- che von Werbung, Mode und Popkultur übersetzt wird. Die Venus, einst Sinnbild idealisierter Schönheit und göttlicher Anmut, wird zur säkularisierten Pop-Ikone – ihre Aura wird gebrochen, reprodu- ziert, entmystifiziert und zugleich neu inszeniert. Mit dieser Arbeit tritt Warhol in einen offenen Dialog mit der Kunst- geschichte ein und stellt zugleich deren vermeintliche Unantast- barkeit infrage. Er zeigt auf, dass auch die erhabensten Werke nicht vor den kulturellen und medialen Codes des 20. Jahrhunderts gefeit sind. Es gelingt ihm, klassische Ideale mit zeitgenössischer Bildsprache zu verbinden und damit die Mechanismen der kultu- rellen Bedeutungsproduktion auf radikale Weise zu reflektieren. CHF 60 000/90 000 (€ 63 830/95 740) 82

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