GEMÄLDE ALTER MEISTER AUKTION 19. SEPTEMBER 2025
3005* SANO DI PIETRO (1406 Siena 1481) Der Heilige Bernhardin von Siena. Um 1444–45. Öl, Tempera und Goldgrund auf Holz. Oben bezeichnet: MANIFESTAVI NOMEN TUUM HOMINIBUS. Im Buch bezeichnet: Quæ sursum sunt sapite, non quæ super terram. 30,5 × 26,6 cm. Provenienz: Europäischer Privatbesitz. Mit einer ausführlichen kunsthistorischen Analyse von Prof. Gaudenz Freuler, Juni 2025. Sano di Pietro, auch bekannt als Ansano di Pietro di Mencio, zählt zu den bedeutendsten Vertretern der Sieneser Schule im Quattrocento. Er war Schüler in der Werkstatt von Stefa- no di Giovanni, genannt Sassetta (um 1400–1450), und ent- wickelte sich zu einem der produktivsten und einfluss- reichsten Maler seiner Zeit in Siena. Im Jahr 1431 wurde er zum Capitano der Contrada San Donato a Montanini er- nannt, ein Amt, das er 1442 erneut ausübte. Die hier vorliegende Tafel diente der privaten Andacht und zeigt den Heiligen Bernhardin von Siena, einen führenden Prediger der Franziskanerobservanz und bedeutenden Stadtheiligen von Siena. Über dem segnenden Heiligen schwebt das goldstrahlende Christusmonogramm YHS, eingefasst in ein kreisförmiges Trigramm, ein zentrales Symbol des von Bernhardin propagierten Namens Jesu. Die Inschrift auf dem goldenen Strahlenkranz zitiert Johan- nes 17,6: "MANIFESTAVI NOMEN TUUM HOMINIBUS", nämlich "Ich habe Deinen Namen den Menschen offen- bart", ein Leitspruch seiner missionarischen Tätigkeit. In seiner linken Hand hält Bernhardin ein aufgeschlagenes Buch mit dem Bibelzitat Kolosser 3,2: "Achtet auf das, was oben ist, nicht die Dinge, die auf der Erde sind." Zwei Engel erheben den Heiligen symbolisch von der Erde in den Himmel, was das genannte Zitat sinnbildlich unterstreicht und Bernhardins spirituelles Ideal visualisiert. Das Werk entstand sehr wahrscheinlich um 1444/45, im unmittelbaren Kontext des Kanonisationsprozesses, der kurz nach Bernhardins Tod am 20. Mai 1444 eingelei- tet und 1450 erfolgreich abgeschlossen wurde. Im Zuge dieser offiziellen Heiligsprechung wurden bei Sano di Pietro mehrere Werke in Auftrag gegeben, um das Andenken des Heiligen zu fördern, darunter auch die be- rühmten Darstellungen seiner Predigten vor dem Rathaus und der Franziskanerkirche von Siena (heute im Museo dell'Opera Metropolitana del Duomo, Siena). Besonderes Engagement zeigte die Compagnia della Vergine, eine karitative Bruderschaft, die mit dem Ospedale di Santa Maria della Scala verbunden war. Be- reits einen Monat nach Bernhardins Tod beschloss die Bruderschaft, den Kanonisationsprozess finanziell zu unterstützen und Werke zur Verehrung des frommen Mitbruders in Auftrag zu geben (siehe Gaudenz Freuler, "Spiritual propaganda in Sienese Painting". In: Eve Borsook und Fiorella Superbi Gioffredi (Hrsg.): Italian Altarpieces 1250–1550. Function and Design, Oxford 1994, S. 81 ff., Dok. 1–10). Darstellungen Bernhardins stellen einen bemerkens werten Bruch mit der bis dahin üblichen Heiligen ikonografie dar: Während Heilige bis ins 15. Jahrhun- dert hinein meist als entrückte, überirdische Gestalten ("imagines caelestes") gezeigt wurden, verleiht Sano di Pietro dem franziskanischen Prediger hier eine menschlich greifbare Präsenz. Das Gemälde markiert den Auftakt zu einer neuen Bildtradition, die den Wunsch nach einer realistischen Vergegenwärtigung des Heiligen und einer bildlichen "Ersatzpräsenz" seines Leibes widerspiegelt. CHF 50 000/70 000 (€ 53 190/74 470) 10
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