GEMÄLDE ALTER MEISTER AUKTION 19. SEPTEMBER 2025
3001 TOSKANISCHER MEISTER AUS DEM UMKREIS DES BARNABA AGOCCHIARI, genannt BARNABA DA MODENA (um 1328 Modena um 1386) Madonna mit Kind und Pietà umrahmt von Heiligen Antonius Abbas und Katharina von Alexandrien, ca. 1385. Tempera und Goldgrund auf Holz. Entlang des Rahmens beschriftet: SARVE REGINA MIXIERICORDIA(E) (VI)T(A E) DULCENDO E SPES NOSTRA SALVE A TE CLAMAMUS. Im Nimbus der Madonna beschriftet: (AVE) GRACIA PLE (NA). Im Schriftband des Jesusknaben: BEATI QUI AUDIUNT VE (RBUM DEI ET CUSTODIUNT) 55,5 × 35,5 cm. Provenienz: - Privatsammlung, Tessin. - Auktion Dobiaschofsky, 7.-10.11.2012, Los 337. - Schweizer Privatbesitz. Mit einer ausführlichen kunsthistorischen Analyse von Prof. Gaudenz Freuler vom 1.8.2025. Das vorliegende Gemälde stammt aus der Werkstatt des Barnaba da Modena und entstand vermutlich in dessen späten Schaffens- zeitraum. Es dürfte von einem sienesisch geprägten Mitarbeiter ausgeführt worden sein, der möglicherweise aus Siena selbst stammte. Alternativ ist denkbar, dass das Werk postum, nach Bar- nabas Tod, unter Verwendung seiner Kompositionsentwürfe fer- tiggestellt wurde. Der stilistische Befund spricht für eine Entstehung im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts, in einer Phase, in der die Präsenz Taddeo di Bartolos (ca. 1363–1422) in Ligurien dokumentiert ist (um 1390–1399). Der Malstil zeigt sich gegenüber dem typischen Oeuvre Barnabas vereinfacht, jedoch weiterhin in enger Anlehnung an die Traditionen der sienesischen Schule. Ein thematisch und formal vergleichbares Madonnenbild Barnaba da Modenas mit identischen Bildelementen wurde auf dem ame- rikanischen Kunstmarkt versteigert (Christie’s, 31.1.2024, Los 23). Sowohl die zentrale Komposition mit der thronenden Madonna und dem Kind als auch die Predella mit der Beweinung Christi, flankiert von Heiligenfiguren, zeugen von einem etablierten Bildty- pus, der in der Werkstatt Barnabas – und allgemein in dieser Zeit – gepflegt und vielfach wiederholt wurde. Das ikonografische Konzept dieser Komposition lässt sich zurückführen auf ein bedeutendes Vorbild: die Tafel Simone Martinis (um 1284–1344) im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston (Madonna mit Kind über den Heiligen Hele- na, Paulus, Dominikus, Stephanus (?) und einer Dominikanerin, Tempera und Goldgrund auf Holz, 33,4 × 25,4 cm, Inv.-Nr. P30w8). Die enge ikonografische und kompositorische Verwandtschaft zu diesem Werk legt nahe, dass es als massgebliches Modell für die Andachtsbilder in der Nachfolge Barnabas diente. In der hier vorliegenden Ausführung lassen sich stilisti- sche Unterschiede beobachten: Die ehemals byzantinisch geprägten Chrysogramme in den Gewändern weichen zunehmend einer naturalistischeren Modellierung. Die Gesichter zeigen weichere, lieblichere Züge – ein deutlicher Hin- weis auf den Einfluss der toskanischen Malerei, insbesondere jener aus Siena. Diese Entwicklung reflektiert das fortgesetzte Interesse Barnabas und dessen Umkreis an der eleganten Mal- kultur Simone Martinis. Hinsichtlich der Funktion des Gemäldes bleibt offen, ob es sich ursprünglich um ein Andachtsbild für den privaten Gebrauch handelte oder ob es Teil eines öffentlich zugänglichenMarienhei- ligtums war. Die in den Goldgrund eingearbeiteten Texte – "Salve Regina" und "Ave Maria" – sowie die Inschrift auf der Schriftrolle des Christuskindes verweisen klar auf die liturgische und medita- tive Nutzung. Es handelt sich um die Anfangsverse zweier zentra- ler Gebete der marianischen Hymnik, die traditionell vor solchen Bildern rezitiert wurde. Besonders bemerkenswert ist der Text auf der Schrift- rolle des Kindes: ein Zitat aus dem Lukasevangelium (Lk 11,28) – "Selig sind, die das Wort Gottes hören und es befol- gen". Dieses verweist auf die didaktische Ausrichtung des Bildes. Nicht die blosse Rezitation von Gebeten, sondern deren meditative Verinnerlichung und Umsetzung im christli- chen Leben führen zum Seelenheil, ein theologischer Gedanke, der in diesem Werk durch die Verbindung von Bild und Schrift exemplarisch vermittelt wird. CHF 40 000/60 000 (€ 42 550/63 830) 2
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