WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS AUKTION 18. SEPTEMBER 2025
1228 PAAR PRUNKVOLLE UND SELTENE VERMEIL-GIRANDOLEN Wien, 1796. Meistermarke Ignaz Sebastian Würth (Wirth). Auf quadratischer Plinthe vasenförmiger Korpus mit seitlichen Henkel in Form naturalistisch verschlungener Schlangen. Elf ge- schwungene Leuchterarme gruppieren sich symmetrisch in zwei Ebenen um den zentralen, kannelierten Schaft. Die Leuchterarme sind mit naturalistischem Zierrat wie Blattrankendekor, Delfinköp- fen und Akanthusblattauflagen verziert und durchbrechen die wuchtige Grundform der Girandole auf dekorative Weise. H ca. 99,5 cm, tot. ca. 52,5 kg. Provenienz: Schweizer Privatbesitz. Weiterführende Literatur: - Lorenz Seelig: "Das Silberservice König Georgs III. von Robert- Joseph Auguste und Frantz Peter Bundsen. Zur Goldschmiede- kunst des frühen Klassizismus in Paris, London und Hannover", in: Münchner Jahrbuch der Bildenden Kunst, Dritte Folge, Band LVIII (2007), Seite 141–207, insbesondere S. 148–149 u. 171–172. - Ausst.-Kat. Nicolas II Esterházy 1765–1833. Un prince hongrois collectioneur: Une Histoire du goût en Europe aux XVIIIe–XIXe siècles, Musée National du Chateau de Compiegne, Paris 2007, Kat. 118–119. Ignaz Sebastian Würth (1747–1834), Kammer-Silberarbeiter, k. k. Hofsilberschmied und Ratsherr entstammt einer der führenden Wiener Goldschmiededynastien. Er lernte von 1758–1763 bei sei- nem Vater Franz Xaver Caspar Würth (1715–1769), der von 1734– 1769 als Bürgerlicher Gold- und Silberarbeiter tätig war und unter anderem ein Tafelservice für Kaiserin Maria Theresia, das sog. Ers- te Teschen-Service, schuf. Auch Ignaz Sebastians Brüder Franz Xaver und Johann Nepomuk waren als Silberschmiede in Wien tä- tig. Ein weiterer Verwandter, sein Cousin Ignaz Joseph Würth (tätig ab etwa 1760–1792) wurde besonders für seine Ausführung des Tafelsilbers für Herzog Albert von Sachsen-Teschen in den Jahren 1779–1782 bekannt. Es gilt als das einzige aus dieser Zeit erhal- ten gebliebene Service im Louis-Seize-Stil und dazugehörige Teile konnten in der jüngeren Vergangenheit Rekordpreise bei Auktio- nen erzielen. Ignaz Sebastian, der mit der Meistermarke ISW im Oval stempelte, fertigte im Laufe seiner Schaffenszeit zahlreiche umfangreiche Ta- felservices für europäische Herrscherhäuser an. Zu seinen wich- tigsten Arbeiten zählen eine heute im Freiburger Münster befindli- che Votivampel aus dem Jahr 1760, die Würth imAuftrag von Maria Theresia für Marie Antoinette fertigte sowie das Majoratssilber der Fürsten Esterházy aus dem Jahr 1791/92. Ausserdem sind uns ein Silberservice aus dem Jahr 1772 für Anton von Maron in Rom, ein Bronzetisch für Kaiser Joseph II aus dem Jahr 1782 und ein Tafel- aufsatz aus dem Jahr 1799/1800 für das Service von König Georg III aus Anlass des Aufenthalts des Herzogs von Cambridge in Han- nover bekannt. Würths Arbeiten zeichnen sich durch kraftvolle Formen, raffinier- te Texturen und eine realistisch-skulpturale Detailgestaltung aus, die er gekonnt mit klassischen Elementen verband. Damit prägte er eine lebendige Wiener Interpretation des französischen Hoch- klassizismus. Ein herausragendes Beispiel seiner Kunst sind die im Rahmen der Auktion angebotenen, prachtvollen, besonders massiv gearbeiteten Leuchterpaare, die durch die Lichtreflexion des Edelmetalls beeindruckende Effekte auf der gedeckten Tafel zu erzeugen vermochten. Die Girandolen lassen sich in ihre zahlreichen Einzelteile zerlegen, von denen jedes sorgfältig mit der Wiener Beschau sowie Würths Meistermarke gestempelt ist. Die quadratische Plinthe ebenso wie der vasenförmige Korpus sind ausserdemmit der sog. Wiener Vor- ratspunze gestempelt. Diese Marke besteht aus demMonogramm VR und war wohl ab 1810 für die Kennzeichnung von Lagerware gültig. Es ist anzunehmen, dass die Girandolen sich zu dieser Zeit also noch im Lagerbestand von Würth befunden haben und erst zu einem späteren Zeitpunkt an den bisher unidentifizierten Be- steller ausgeliefert wurden. CHF 50 000/80 000 (€ 53 190/85 110) 204
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