WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS AUKTION 18. SEPTEMBER 2025
Frühkykladisch, Früher Spedos-Typ, ca. 2600–2500 v. Chr. Dem "Karo"-Skulpteur zugeschrieben. Weisser Marmor mit minimalen Pigmentresten, sog. "Ghost Paint". Ganzfiguriges, weibliches Idol. Harmonischer, lyraförmiger Kopf mit kurzer, wohl proportionierter Nase direkt übergehend in die fliehende Stirn, ellipsoid geformtes Kinn. Relativ kurzer Hals, sich zu den Schultern nur leicht verdickend. Die Schultern markant gewölbt, der Schulteransatz auf gleicher Höhe. Ge- drungener, kompakter Torso mit breit auseinander stehenden, erhabenen Brüsten. Die Hände verschränkt unter der Brust, den Bauch fast gänzlich abdeckend. Der linke Arm über den rech- ten, eine leichte Diagonale bildend. Schmale Unterbauchfalte. Kurvige, ausladende Hüftpartie, eingezogen bei den Knien, leicht gespreizte Unterschenkel mit gespreizten Füssen. Tief gekerbter Oberschenkelspalt, auf Höhe der Knie und bis zu den Knöcheln mit Öffnung. Angedeutete, eingeritzte Zehen. Hals und Rücken in einer geraden Linie mit einer Kerbe von der Wirbelsäule bis hin zu den Oberschenkeln. Position der Beine gewinkelt, leicht vor dem Torso platziert. Mit einem Plexiglasgestell und -kasten. H 17,8 cm, B 5,5 cm. Restaurierte Brüche. Oberfläche gereinigt. Stellenweise Inkrusta- tionen. Dunkle, punktuelle Einlagerungen. Kratzer an der Hüfte. Provenienz: - Sammlung Sir Jacob Epstein (1880–1959). - Sammlung Carlo Monzino (1933–1996). - Galerie Gordian Weber, Köln. - durch Erbschaft in heutigen Westschweizer Privatbesitz. Ausstellungen: The Arts Council of Great Britain: The Epstein Collection of Tribal and Exotic Sculpture. London 1960, Nr. 321 (ohne Abb. erwähnt als Lot von acht Kykladenidolen). Literatur: - William B. Fagg: The Epstein Collection of Tribal and Exotic Sculpture. Ausstellungskatalog für the Arts Council of Great Britain. London 1960, Nr. 321. - Ezio Bassani & Malcolm D. McLeod: Jacob Epstein Collector. Mailand 1989, S. 55, Abb. 72A; S. 56, Abb. 73 & S. 199, Abb. 907. Kaum andere frühgeschichtliche Artefakte lösen so eine Faszi- nation bei modernen Betrachterinnen und Betrachtern aus, wie solche Marmoridole der kykladischen Kulturen. Kykladenidole gehören zu den erstaunlichsten und mysteriösesten Artefakten der Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit. Benannt sind die Figuren nach ihren Fundorten auf den kykladischen Inseln Griechenlands. Die ersten Erzeugnisse werden in die Zeit um 5000 v. Chr. datiert, wobei der künstlerische Höhepunkt um 2500 v. Chr., während der frühkykladischen II Periode der Keros-Syros-Kultur erreicht wird (ca. 2700–2400/2300 v. Chr.). Die überwiegend weiblichen Figu- ren zeichnen sich durch ihre Reduktion auf simple, menschliche Körperformen, durch ihre Abstraktion und Stilisierung aus. Ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Sublimität stellt sich beim Betrachten dieser Figuren ein, welche in ihrem vermeintlichen Minimalismus dennoch eine unbändige Strahlkraft und Präsenz besitzen. Dass dieser minimalistisch anmutende Charakter sich bei der näheren Analyse jedoch als Trugbild herausstellt, erstaunt umso mehr. Pigmentreste zeugen nämlich von einer lebhaften Polychromie, ähnlich wie man es sich bei den späteren archaischen und helle- nistischen Skulpturen vorstellen muss. Das vorliegende Kykladenidol exemplifiziert auf beeindruckende Weise Stilmerkmale, welche dem sog. "Karo"-Skulpteur zuge- schrieben werden. Der Konventionsname geht auf Patricia Getz- Preziosi zurück, ihrerseits seit den 70er Jahren eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kykladenidol-Forschung. Dem "Karo"-Skulpteur wird ein kleinerer Werkkorpus von stilistisch vergleichbaren früh- kykladischen Marmoridolen des frühen Spedos-Typus zugewie- sen. In "Personal Styles in Early Cycladic Sculpture" aus dem Jahre 2001 unterscheidet Getz-Preziosi innerhalb der frühen Spedos- Variante zwei Grundtypen, die Stile A und B. Vereinfacht formu- liert, zeichnet sich Stil A durch kräftig geschwungene Formen und gewölbte Konturen aus, wohingegen Stücke des Stils B linearer und kantiger wirken. Unser Exemplar mit seinen deutlichen Kur- ven, seiner Kompaktheit und seiner sanften Volumetrie reiht sich demzufolge in die Stilgruppe A ein (Vgl. Patricia Getz-Preziosi: Personal Styles in Early Cycladic Sculpture. Wisconsin 2001, S. 38–39.). In einem uns vorliegenden, undatierten Schreiben, plä- diert Getz-Preziosi bei unserer Figur für eine Zuschreibung an den "Karo"-Skulpteur. Obwohl unser Idol zwar das zweitkleinste, dem Skulpteur zugewiesene Stück ist, untermauern die für ihn typi- schen Stilmerkmale für eine solche Zuschreibung. Die Archäolo- gin verweist dabei auf zahlreiche Exempel aus obenzitiertem Bei- trag (Ebd., S. 74–121). Vergleichbar sind dort insbesondere die Nr. 2–7, bei denen identische Umrisskonturen vorhanden sind. Weiter zeigen sich Parallelen bei den ähnlichen Gesichtsphysiognomie mit dem ellipsoiden Kinn und der hoch angesetzten Nase. Die ebenfalls kompakten Torso-Bereiche und eine ähnliche Ausarbei- tung der Bauchfalten halten einem Vergleich stand. Ebenso weist die auffällig lange Durchbrechung unterhalb der Knie sowie die er- höhten, vom Torso wegstehenden Füsse auf eine Verwandtschaft mit dem Werkkorpus des "Karo"-Skulpteur hin. Zwei ähnliche Kykladenidole aus der ehem. Sammlung von Ernst and Hildy Beyeler, Basel, wurden einst bei Christie’s New York (8.6.2012, Lot 52) bzw. Christie’s London verkauft (6.12.2017, Lot 32) und wurden ebenfalls in Verbindung mit dem "Karo"-Skulpteur gebracht, wobei das Londoner-Exemplar stärker gewinkelte, weni- ger kurvige Schulterpartien aufweist. Trotz seiner geringen Grösse und den naturgemässen, subtilen Unterschieden gehört vorliegendes Idol, laut Getz-Preziosi, mit seinem feinen Erscheinungsbild und der langen Kerbe der Bein- 1050 GANZFIGURIGES KYKLADENIDOL EHEM. SAMMLUNGEN SIR JACOB EPSTEIN (1880–1959) & CARLO MONZINO (1933–1996) 32
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