WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS AUKTION 18. SEPTEMBER 2025

1099* FEIN GRAVIERTER KERZENSTOCK Renaissance, "veneto-sarazenisch", Mitte 16. Jh. Messing teilvergoldet, intrikat graviert und eingelegt mit geomet- rischen Silberfilets sowie Silbertauschierung. Dekor in Form von stilisierten Blättern, Ranken sowie Arabesken. Vasenförmiger Schaft mit unidentifiziertem Familienwappen, Zwischenscheibe endend auf grossem Rundfuss. H 17 cm, Ø 15,5 cm. Oxidationsspuren. Kleine Randbestossungen bzw. Rundfuss leicht uneben. Unterseite innen mit Reparatur. Provenienz: Sammlung Arlette und Antony Embden, Frankreich. Der Begriff "veneto-sarazenisch" beschreibt eine Reihe von Me- tallarbeiten, welche unter islamischem Einfluss zunächst in mam- lukischen Kunstzentren, hauptsächlich in Ägypten und Syrien, während des 14.–16. Jh. entstanden und danach durch veneziani- sche Handelsbeziehungen in die Lagunenstadt importiert wurden. Solche Stücke werden aus Konventionsgründen deshalb seit dem 19. Jh. als "veneto-sarazenisch" beschrieben. Charakteristisch für diese Art von Objekten sind die intrikat ineinander verschlungenen Messing-, Kupfer-, Silber- und gelegentlich auch Goldeinlagen. Zu den Objekten gehören Schalen, kugelförmige Räuchergefässe (Vgl. diesbezüglich Koller Auktionen Zürich, 2.11.2011, Lot 491), Kerzenstöcke und Henkelkörbe. Der typische Dekor zeichnet sich durch Arabesken, nicht figurative, islamische geometrische Mus- ter aus, welche mit venezianischen bzw. europäischen Formen amalgamiert werden. Aufgrund der Unschärfe des Begriffs "veneto-sarazenisch" erfuhr dieser seit den 1970er Jahren eine wissenschaftliche Neuinterpre- tierung. Gerade im 19. Jh. etablierte sich die geläufige Meinung, dass muslimische Handwerker ihre Metallarbeiten direkt in Vene- dig anfertigten. Diese Annahme wurde jedoch zunehmend infrage gestellt, weil nicht zuletzt das venezianische Zunftwesen auslän- dische Handwerker kaum duldete. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass viele dieser Objekte in der ersten Generati- on ursprünglich in Kairo, Damaskus und sogar im Iran entstanden und erst anschliessend nach Europa exportiert wurden. In Europa dienten sie als Vorbilder für lokale Nachahmungen. Der Austausch zwischen der Handelsmacht Venedig und den Mamluken, welche zwischen 1250–1517 den Warentransport und den Gewürzhandel zwischen Europa und Südostasien kontrollierten, erstaunt insofern nicht. In einem 2004 erschienenem Beitrag von Sylvia Auld (Renaissance Venice, Islam and Mahmud the Kurd - a metalworking Enigma. London 2004) hinterfragt die Forscherin jenen Kulturtransfer und differenziert dabei zwischen drei Gruppen von "venezianisch- sarazenischen" Metallarbeiten. Gruppe A umfasst genuine Mam- lukenarbeiten aus Ägypten oder Syrien. Die zweite Gruppe steht in Zusammenhang mit dem Kunsthandwerker Mahmud al-Kurdi und dessen Werkstatt. Mit seinem Künstlernamen verbindet man die feinsten Metallarbeiten des 15. Jh., welche die muslimische Hand- werkstradition mit der europäischen Ästhetik auf einen Höhepunkt treibt. Lange Zeit glaubte man, dass dieser Künstler in Venedig tätig war. Neuste Forschungsergebnisse konnten diese These jedoch widerlegen. Schlussendlich skizziert Sylvia Auld noch die dritte Gruppe C, zu der unsere Objekte (Lotnummern 1099, 1100 & 1101) gezählt werden dürfen. Die letzte Gruppe zeichnet sich durch eine Produktion von islamisch inspirierten Metallarbeiten in Italien aus. Das Dekor und der Stil nähren sich also von genuin islamischen Objekten. Als Vergleich für unseren Kerzenstock sei ein identisches Exem- plar aus dem Victoria & Albert Museum London zitiert (Inv.-Nr. 558-1865). Das Exemplar aus dem V&A erwähnt als Provenienz für den Kerzenstock die Sammlung Jules Soulages (1803–1857) in Toulouse. Aus dem Sammlungskatalog von Soulages geht hervor, dass sich drei Paare solcher Kerzenstöcke in seiner Sammlung befanden (Sir John Charles Robinson: Catalogue of the Soulages Collection: being a descriptive inventory of a collection of works of decorative art formerly in the possession of M. Jules Soulages of Toulouse. London 1857, Nr. 343, 344 & 345). Es wird vermu- tet, dass jene Kerzenstöcke von ein und demselben Meister her- gestellt wurden. Ob unser Kerzenstock Teil von Jules Soulages Sammlung war, kann nicht abschliessend beantwortet werden. Die Verwandtschaft zum V&A-Exemplar spricht jedoch dafür. Weitere Vergleichsstücke sind bei Sylvia Auld abgebildet und beschrieben, darunter ein zusätzliches aus dem V&A (Inv.-Nr. 553-1865), eines imNational Museum of Scotland in Edinburgh (Inv.-Nr. 1877 20-48) und eines aus dem MET New York (Inv.-Nr. 17.190.637). CHF 8 000/12 000 (€ 8 510/12 770) 86

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