WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS AUKTION 18. SEPTEMBER 2025
1105* BERGKRISTALL DECKELPOKAL MIT MEERESIDYLLE Werkstätte einer Mailänder Künstlerfamilie, wohl Miseroni (1518- 1664) oder Saracchi (1556–1657), Ende 16. Jh. Bergkristall und Fassung in Feingold mit roten Farbsteinen und Emaille. Die groteske Form dominiert von einem Meeresunge- heuer in Rückenansicht, dessen angewinkelten Beine und langen Krallen die rhombenförmige Kuppa umklammern, sein weit geöffnetes Maul groteskenhaft die Mündung des Pokals formend. Auf der Vorderseite der Kuppawandung eine tief eingeschnit- tene Meeresidylle mit Drachenwesen und Tritonen, den Raub einer Nereide in einer Momentaufnahme über einem bewegten Wellengrund festhaltend. In den Zwischenräumen feines Blatt- rankenwerk mit Delphinwesen, Schlangen, Fischen, Vögeln und Schildkröten. Den Deckel formt ein aus den Tiefen des geöffneten Mauls des Meeresungeheuers, der Gefässmündung, aufsteigen- des amphibisches Mischwesen, dessen drachenartiger Kopf mit seiner Schnauze in die Oberfläche des Deckels eintaucht. Der Balusterschaft mit Scheibennodus über gewölbtem Fuss mit Verkleinerungslinsen in Blütenform geschliffen - möglicherweise später ergänzt. Die Goldmontierung mit alternierenden Blatt- und Froschmotiven graviert, mit grünem, transluzidem Emaille einge- legt und mit weissen Emailleblüten mit roten Farbsteinen (wohl Rubine) gefasst in Gold, appliziert. H 25 cm. Reparaturen und Risse. Provenienz: Sammlung Arlette und Antony Embden, Frankreich. Nur eine Handvoll Mailänder Künstler stehen in der Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts mit ihren vollendeten Steinschnitt- und Gold- schmiedearbeiten an der Spitze dieser künstlerischen Disziplin. Die Kunstkammern der grossen Sammler der Renaissance, der Medici in Florenz (Museo degli Argenti), der Habsburger Herr- scherdynastie in Wien und Prag (Kunsthistorisches Museum Wien), der Wittelsbacher Herzöge in München (Schatzkammer Residenz) und der Herzöge von Württemberg (Landesmuseum Württemberg) legen über die Grenzen Italiens hinaus, Zeugnis hiervon ab. Die Werkstätten der Künstlerfamilie Saracchi (1556– 1657) mit Annibale Fontana (1540–1578) als Spitzengraveur und die Miseroni-Dynastie (1518-1664) führten die Kristallschnittkunst zur wahren Meisterschaft und belieferten im 16. und 17. Jh. die be- deutenden europäischen Herrscherhäuser. Die reizvolle Kombination von grotesken Tierwesen und tief ein- geschnittenen, figürlichen Szenen auf der Kuppa, von mythologi- scher, biblischer oder säkularer Thematik, prägt eine grosse An- zahl von Trinkgeschirren und scheint ein Dekorschema gewesen zu sein, das sich grosser Beliebtheit erfreute. Die Tiermaske, deren geöffnetes Maul die Gefässmündung unse- res Pokals formt, wie sich erst bei der Ansicht von oben offenbart, ist ein häufig gewähltes Gestaltungselement. Aus der Werkstatt der Gebrüder Miseroni stammt eine um 1600/50 entstandene Jade-Schale für Rudolf II., Erzherzog von Österreich (Prado, Madrid Inv.-Nr. O000066) sowie eine Bergkristall-Tasse in ähnlicher Form (British Museum SLCups.50); eine Fussschale mit vergleichbarer Meeresszene und froschartigen Meerwesen in Umklammerung der Kuppa, Werkstatt Saracchi, war einst in der Kunstkammer der Herzöge von Württemberg und ist heute Teil der Sammlungen des Landesmuseums Württemberg (Die Kunstkammer der Herzöge von Württemberg, Bd.2, 2019, S.526, Inv.Nr. KK blau 40); ein Becher, der von den Beinen eines Mischwesens mit rundplastischem Ne- reidenkopf und einem Seeungeheuer umklammert wird, aus der Werkstatt Dionysio Miseronis, steht heute in London (British Mu- seum Inv.-Nr. 1772,0314.190); eine Schale der Gebrüder Saracchi von 1575/1600 mit mythologischer Meeresidylle befindet sich in Paris (Musée du Louvre Inv.-Nr.: MR 319), ein Drachenpokal aus der Hand der Saracchis von 1590 mit einer vergleichbaren Szene- rie, ist in Wien (KHM, Inv.-Nr.: Kunstkammer, 2401), und schliesslich ein ganz ähnliches Meeresungehäuer, das sich mit seinen Klauen um die Kuppa eines weiteren Drachenpokals klammert, befindet sich ebenfalls in Wien (KHM, Inv.-Nr.: Kunstkammer, 2388). 92
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