IMPRESSIONISMUS & MODERNE 28. NOVEMBER 2025

Das Gemälde "L’après-midi à Naples" oder "Le punch au rhum" entsteht in den Jahren 1876/77. Es gehört zu einer kleineren Werkgruppe, in der sich Paul Cézanne mit eroti- schen Themen auseinandersetzt. Beim vorliegenden Gemäl- de handelt es sich vermutlich um die kleinere Fassung eines gleichnamigen Werks, das Cézanne rund zehn Jahre zuvor konzipiert hat und das heute als verschollen gilt. Cézanne verbindet hier den klassischen Topos des Baccha- nals und des Aktes mit einem bürgerlich-intimen Interieur. Den Anstoss zu dieser Serie von Figurenkompositionen gibt vermutlich Édouard Manets 1863 entstandenes und seiner- zeit skandalös aufgenommenes Gemälde "Olympia", das Cézanne kurze Zeit später auf eigene Weise unter dem Titel "Une moderne Olympia" neu interpretiert. In dieser Zeit malt Cézanne eine kleine Anzahl ähnlicher Werke, die sich jedoch jeweils in Komposition und Figuren- anordnung unterscheiden. Allen gemeinsam ist die Ausein- andersetzung mit der Anordnung des menschlichen Körpers im geschlossenen Raum sowie mit dem Verhältnis zwischen figürlicher Darstellung und malerischer Konstruktion. Hier zeigt Cézanne zwei eng umschlungene, liegende Akte auf einem Bett, während eine dritte Figur den Liegenden eine Schale mit Rumpunsch reicht. Das Geschehen spielt sich in einem engen von schweren Draperien umschlossenen Inte- rieur ab. Der Aufbau der Komposition, die gedrängte Raum- struktur und die präzise Modellierung der Körper verweisen auf Cézannes intensive Beschäftigung mit den Meistern des 17. Jahrhunderts, insbesondere mit Peter Paul Rubens. Ge- wisse Elemente wie die zur Seite gezogene Draperie und die körperbetonte, voluminöse Figurenfügung lassen eine be- wusste Bezugnahme auf barocke Vorbilder erkennen. Zugleich löst sich Cézanne in diesem Werk bereits von der schweren, dunklen Malweise seiner frühen Jahre. Camil- le Pissarro, der ihm ab 1872 als Mentor zur Seite steht, er- mutigt ihn, ausschliesslich mit den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau zu arbeiten. Unter diesem Einfluss öffnet sich Cézannes Malerei einer helleren, transparenteren Palette, deren Wirkung in diesem Werk bereits deutlich spürbar ist. Auch die zuvor pastose Farbmasse weicht einem lockeren Farbauftrag, welcher der Oberfläche eine lebendige Struktur verleiht. Hier kündigt sich sowohl farblich als auch formal be- reits jener "cézanneske" Stil an, der später sein Werk prägen wird. Als erster Besitzer desWerkes gilt der bekannte Kunsthändler Ambroise Vollard, der massgeblich zum Erfolg Paul Cézan- nes beitrug. Vollard trifft Cézanne 1894 in Aix-en-Provence, wo der Künstler zurückgezogen und in bescheidenen Ver- hältnissen lebt. Begeistert von Cézannes Malerei organisiert Vollard 1895 in einer Pariser Galerie die erste Einzelausstel- lung des Künstlers. Obwohl die Schau kommerziell kein gros- ser Erfolg ist, erweist sie sich als kunsthistorisch bedeutsam: Junge Künstler wie Picasso, Matisse und Braque besuchen die Ausstellung, sehen dort zum ersten Mal Cézannes Werke und werden von ihnen nachhaltig beeinflusst. 20

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