POST-WAR & CONTEMPORARY 27. NOVEMBER 2025

3404* LEE UFAN (Haman-gun 1936–lebt und arbeitet u.a. in Paris) Ohne Titel. Acryl auf Leinwand, Stein. Auf dem Keilrahmen mit der Archivnummer der Galerie m Bochum: m 7003. Leinwand 227 × 182,5 cm. Stein 45,5 × 64 × 52 cm Provenienz: - Galerie m Bochum, Bochum. - Privatsammlung Deutschland, in obiger Galerie 2007 erworben. Ausstellung: Bochum 2006, Lee Ufan - Silence, Galerie m Bochum, 31.3.–28.6.2006. Lee Ufan ist ein bedeutender zeitgenössischer Künstler und Denker, der 1936 in Korea geboren wird und seit den 1970er-Jahren international wirkt. Er ist Mitbegründer der japanischen Mono-ha-Bewegung, die sich in Abgrenzung zur westlichen Moderne formiert. Mono-ha, auf Deutsch "Schule der Dinge", versteht Kunst nicht als Ausdruck in- dividueller Kreativität oder emotionaler Befindlichkeit, sondern als ein Wechselverhältnis von Materialien, Raum und Wahrnehmung. Lee Ufan bringt in seiner Arbeit Phi- losophie, Poesie und Stille in ein subtiles Gleichgewicht. Seine Werke zeigen eine tiefe Verwurzelung im östlichen Denken, insbesondere im Zen-Buddhismus und Daoismus. Sie stellen eine radikale Herausforderung an das westliche Verständnis von Kunst als Schöpfung. In seinem Schaffen verzichtet Lee Ufan weitgehend auf traditionelle Vorstellungen von Komposition, Inszenierung und künstlerischer Handschrift. Stattdessen legt er Wert auf die Begegnung zwischen Materialien – etwa Papier, Leinwand, Eisen, Stein oder Glas – und deren räumliche Wirkung. Das Werk entsteht im Dialog, nicht im Diktat. Ma- terie wird nicht geformt, sondern positioniert. So entsteht eine poetische Spannung zwischen Präsenz und Leere, zwischen Aktion und Zurückhaltung. Ein zentrales Kapitel in seinem Werk bilden die Leinwand- arbeiten, insbesondere die Serien "From Line" und "From Point", die in den 1970er-Jahren entstehen. In diesen Serien experimentiert Lee Ufan mit rhythmisch gesetzten Pinsel- strichen, die jeweils mit einem einzigen, immer schwächer werdenden Zug auf die Leinwand aufgetragen werden. Die Zwischenräume, das Nicht-Gemalte, gewinnen ebenso an Bedeutung wie die sichtbare Spur. In späteren Arbeiten wie der Serie "Correspondence" steigert sich diese Hal- tung: Wenige Pinselspuren auf monochromen Leinwänden zeigen ein Maximum an Reduktion, ein Minimum an Inter- vention und öffnen dadurch den Raum für kontemplative Erfahrung. Ein besonders eindrucksvolles sowie seltenes Objekt, das Lee Ufans Konzept der Präsenz und Leere im Raum bei- spielhaft verkörpert, ist unser vorliegendes Werk. Es be- steht aus einer grossformatigen weissen Leinwand und einem einzelnen runden Stein, der in geringem Abstand davor am Boden liegt. Die Leinwand ist vollkommen weiss bemalt, rein und still. Ein weisser Bildraum, der nicht als Fläche, sondern als geistiger Resonanzraum fungiert. Der Stein, unbearbeitet und schwer, liegt scheinbar beiläufig, aber mit grosser Bedachtsamkeit positioniert im Raum. Dieses Arrangement lässt sich als eine Art stilles Gespräch zwischen Natur und Geist, zwischen Objekt und Wahrneh- mung deuten. Es stellt keine Szene dar, sondern eröffnet einen Zustand. Die weisse Fläche fordert keine Interpreta- tion, sondern bietet eine Öffnung. Der Stein ist nicht Sym- bol, sondern steht wie eine Tatsache da. Ein Element der Welt, das mit dem Raum, dem Licht und der Gegenwart der Betrachtenden interagiert. Die Spannung zwischen der flachen, leeren Wand und dem materiellen Volumen des Steins erzeugt ein intensives Gefühl von Gegenwärtigkeit. Lee Ufan schafft mit minimalen Mitteln ein Werk, das nicht nur gesehen, sondern erlebt werden will. In Stille, mit Auf- merksamkeit und Respekt vor dem, was ist. CHF 40 000/70 000 (€ 43 010/75 270) 6

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