POST-WAR & CONTEMPORARY 27. NOVEMBER 2025

3462 WIFREDO LAM (Sagua la Grande 1902–1982 Paris) Ohne Titel. 1942. Öl auf Papier, fest aufgelegt auf Leinwand. Unten rechts signiert und datiert: Wifredo Lam 1942. 100 × 79 cm. Gutachten: Zertifikat Lou Laurin-Lam, Paris, 5.10.1998 (Nr. 98-25). Provenienz: - Galleria Ferrara, Treviglio (verso mit dem Stempel) - Galerie Tornabuoni Art, Paris/Crans-Montana. - Privatsammlung Schweiz, in obiger Galerie 2011 erworben. Literatur: Lou Laurin Lam: Wifredo Lam. Catalogue Raisonné of the Painted Work, Vol. II, Lausanne 2006, S. 248, Nr. 42.125 (mit Abb.) Wifredo Óscar de la Concepción Lam y Castilla wird 1902 in Sa- gua la Grande, Kuba, geboren. Als achtes Kind des aus Kanton stammenden chinesischen Immigranten Yam Lam und der aus einer afro-hispanischen Familie hervorgegangenen Ana Serafina Castilla wächst Lam in einem kulturell vielschichtigen Milieu auf. Schon früh ist er eingebunden in eine lebendige Welt mit volks- tümlichen Traditionen. Im Jahr 1916 verlegt Lam seinen Wohnsitz nach Havanna. Zwei Jahre später beginnt er sein Studium an der angesehenen Acade- mia de San Alejandro, wo er sich der Malerei und der Bildhauerei widmet. Die akademische Ausbildung vermittelt ihm ein solides technisches Rüstzeug, doch empfindet er bald eine Einschrän- kung durch die rigiden Lehrinhalte. In traditioneller Manier übt er sich in Komposition, Porträtkunst, Stillleben und Landschafts- darstellung, doch bleibt seine künstlerische Sehnsucht nach Aus- druck und Transformation ungestillt. 1938 zieht Lam nach Paris und tritt dort in Verbindung mit Pab- lo Picasso sowie Vertretern des Surrealismus, Kubismus und an- derer Strömungen der Moderne. Diese Begegnungen erweitern sein Verständnis von Materialität, formaler Auflösung und symbo- lischer Verdichtung. Impulse, die in seinem Werk bald sichtbaren Niederschlag finden. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gelangt Lam über Marseille und Martinique in seine kubanische Heimat zurück. Die Rückkehr 1941/42 markiert eine Zäsur: In der Konfrontation mit der tropischen Natur, den rituellen Praktiken und den afro-karibi- schen Wurzeln entwickelt er eine eigenständige Bildsprache. Die Synthese aus europäischer Avantgarde, der geistigen Welt der Santeria und den Mythen seiner Herkunft führt zur Entstehung ei- nes einzigartigen Kosmos. Das vorliegende Werk aus den frühen 1940er-Jahren stellt ein kunsthistorisch bedeutsames Beispiel seines Schaffens dar. Be- sonders nach seiner Rückkehr nach Kuba widmet sich Lam ver- stärkt der menschlichen Figur. Nicht mehr im Sinne akademischer Ähnlichkeitsstudien, sondern als Trägerin innerer Kräfte, mythi- scher Archetypen und kultureller Überlagerungen. Die Porträts dieser Zeit zeugen von seiner Auseinandersetzung mit der Frage, wie Identität unter kolonialen Bedingungen überhaupt darstellbar ist. An Stelle von psychologischer Tiefe, tritt spirituelle Vielschich- tigkeit auf. Das Porträt wird zum Ort des Widerstands gegen west- liche Vorstellungen von Individualität und Subjektivität. Stilistisch nähert sich Lam in den 1940er-Jahren dem Kubismus. In der Fragmentierung der Körperformen und in der Auflösung des Einzelkörpers zugunsten rhythmischer Strukturen erkennen wir in dem vorliegenden Gemälde ein Porträt: frontal dargestellt, mit durchdringendem Blick, zugleich erhaben und entrückt. Die hervortretenden Körpermerkmale und die Betonung des langen, dunklen Haares lassen die dargestellte Figur weiblich erscheinen. Die Körperfragmente nehmen die gesamte Bildfläche ein. Ein klassisches kubistisches Porträt oder doch die Darstellung ei- ner Maske, eines Totems? Ein Mensch oder die Verwandlung in einen Vogel? Durch die surrealistische Methode der Assoziation und der Traumlogik lässt der Künstler mehrere Seinszustände inei- nander übergehen. Die Porträtierte entzieht sich einer eindeutigen Identifikation; sie bewegt sich zwischen Mensch und Metapher. Lam verwandelt die Dargestellte in eine spirituelle Ikone einer hy- bridisierten Welt. In diesen Jahren arbeitet Wifredo Lam mit einfachen Mitteln: Er verwendet Altpapier als Bildträger, Ölkreide, Ölfarbe, Gouache oder deckende Wasserfarben, die sich durch hohe Pigmentdichte und matte Oberflächenwirkung auszeichnen. Die fragile Zartheit des Papiers trifft auf die Beständigkeit der Leinwand. Hinzu steht das Flüchtige des zeichnerischen Duktus im spannungsvollen Kontrast zur statischen Architektur des Bildaufbaus. CHF 160 000/240 000 (€ 172 040/258 060) 72

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