POST-WAR & CONTEMPORARY 27. NOVEMBER 2025
3479 JEAN TINGUELY (Fribourg 1925–1991 Bern) Ohne Titel. 1990. Eisen, Büffelschädel, Sandstein, Holz, Plastikbehälter und Elektromotor. 192 × 100 × 120 cm. Provenienz: - Privatsammlung Milena Palakarkina. - Dubinsky Fine Arts, Zürich. - Privatsammlung Schweiz, in obiger Galerie 1995 erworben. Wir danken dem Institut de Recherche – Comité Jean Tinguely für die Bestätigung der Authentizität des Werks, Basel, 9.10.2025. Die eigene Vergänglichkeit und die allen Lebens sind Themen, die Kunstschaffende seit jeher immer wieder und immer wie- der neu beschäftigt haben. Während schon im antiken Rom für den Stoiker Seneca das Bewusstsein des stets nahenden Todes zentral war, erlebte das Konzept zur Zeit des Barock mit der omnipräsenten Losung des "memento mori" eine neue Blütezeit. Erloschene Kerzen, verwelkende Blumen, Sanduh- ren und Totenschädel – das motivische Repertoire der Vanitas war vielfältig und bedeutungsgeladen. Jean Tinguely bedient sich in seiner kinetischen Plastik aus den 1970er-Jahren mehrerer dieser bedeutungsschwange- ren Gegenstände: Neben dem schweren Mühlstein und der dramatisch anmutenden Grabblumenvase setzt insbesondere der monumentale blanke Büffelschädel den atmosphärischen Rahmen. Die grossformatige Arbeit verbindet archaische Ma- terialien mit maschineller Bewegung und evoziert zwischen organischer Reliktstruktur, menschengemachter Eisenkonst- ruktion und elektrischer Energie ein metaphorisch aufgelade- nes Spannungsfeld. Der Elektromotor haucht der Plastik dabei eine geisterhafte Vi- talität ein; wie in einem letzten Aufbäumen gegen das langsa- me Zermürben unter demMühlstein des Lebens und schliess- lich des Todes, schwingt der Schädel auf und ab. Tinguely gelingt es in dieser Arbeit, Tod und Technik nicht nur formal zu verknüpfen, sondern sie existenziell aufzuladen: Die Skulptur erscheint wie ein kinetischer Nachhall aus einer Zwischen- welt, eine visuelle Meditation über das Ende und zugleich eine Reflexion über das Sein und Fortwirken. Denn eines darf nicht vergessen werden: Die Maxime des "memento mori" bezog sich nie nur auf das Gedenken der Vergänglichkeit, sondern war vielmehr auch ein Appell an den bewussten Genuss des Lebens, an die Achtsamkeit gegenüber der uns gegebenen Zeit. Mit ihrer kraftvollen Präsenz und komplexen Semantik stellt diese Arbeit ein rares Beispiel für Tinguelys Fähigkeit dar, symbolische Tiefe mit mechanischer Poesie zu vereinen – ein Kunstwerk von aussergewöhnlicher Dichte und Ausdrucks- kraft. CHF 60 000/80 000 (€ 64 520/86 020) 94
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