GEMÄLDE DES 19. JAHRHUNDERTS 27. MÄRZ 2026

3215 JOHANN HEINRICH FÜSSLI (Zürich 1741–1825 London) Das Grab des Rosicrucius. 1803. Öl auf Leinwand. 92 × 77,5 cm. Gutachten: Dr. Gert Schiff, New York, 26.4.1975. Provenienz: - Sammlung Prof. François Daulte, Lausanne. - Sammlung Thyssen-Bornemisza, Villa Favorita, Lugano-Castagnola, Inv.-Nr. 481 D (verso mit Etikett), im Juni 1976 von Obigem erworben. - Schweizer Privatbesitz, ab Mai 1993. Ausstellung: London 1804, The Exhibition of the Royal Academy, M.DCCCIV, Somerset House, London, 30.4.–16.6.1804, Nr. 90. Literatur: - Gert Schiff: Johann Heinrich Füssli, 1741–1825, Text und Oeuvrekatalog, Zürich 1973, Bd. 1, S. 565, Nr. 1217 sowie Bd. 2, S. 376 (mit Abb.). - Gert Schiff und Paola Viotto: L'opera completa di Johann Heinrich Füssli, Mailand 1977, S. 104, Nr. 246 (mit Abb.). - Gertrude Borghero (Hrsg.): Collezione Thyssen-Bornemisza, catalogo ragionato delle opere esposte, Villa Favorita, Castagnola 1981, S. 350, Nr. 481 D (mit Abb.). Den 1741 in Zürich geborenen Johann Heinrich Füssli zog es ab Mitte der 1760er-Jahren immer wieder nach London, wo er sich ab 1779 auch dauerhaft niederliess und sich neben Meistern, wie JoshuaReynolds(1723–1792)undBenjaminWest(1738–1820),rasch zu einem der gefeiertsten Künstler der Britischen Hauptstadt etab- lierte. Am 10. Februar 1790 wurde Füssli dann zum Vollmitglied der Royal Academy of Arts gewählt und im Juni 1799 schliesslich zum Professor für Malerei berufen. Seine prominente Stellung innerhalb der Londoner Kunst- szene bescherte ihm zahlreiche illustre Aufträge, so trug er unter anderem in erheblichem Masse zur Boydell Shakespeare Gallery bei, einem Projekt, bei dem Shakespeares litera- rischesWerk von einer Vielzahl unterschiedlicher Maler aufgearbeitet wurde. Füsslis Interesse anLiteratur zeigt sich zudem in seiner intensi- ven malerischen Auseinandersetzung mit dem Werk des englischen Schriftstellers John Milton (1608–1647) oder des deutschen Dichters Christoph Martin Wieland (1733–1813). Auch aus zahlreichen ande- ren literarischen Quellen schöpfte er Ideen für seine Gemälde. Das hier zur Auktion kommende Werk illustriert auf impo- sante Weise die Schlüsselszene aus einem Essay des eng- lischen Schriftstellers Eustace Budgell (1686–1737). Dieser Essay erschien ursprünglich am 15. Mai 1712 als Nr. 379 in der berühmten Londoner Zeitschrift "The Spectator" und wur- de 1803 von John Sharp in dessen 24 Bände umfassender Buch- reihe "The British Classics" in Band 9 wiederabgedruckt. Das vorliegende Gemälde schuf Füssli im selben Jahr als Vorlage für einen Stich von William Sharp (1749–1824), der dem Nachdruck des Essays als Illustration beigegeben wurde (siehe Abb. 1). Budgell beschreibt in seinem Essay die unter Gelehrten anzutreffende Tendenz, nützliches Wissen der Mensch- heit entweder gänzlich vorzuenthalten oder dieses so schwerverständlich auszuformulieren, dass nur eine kleine Gruppe Eingeweihter auf dieses Wissen zurückgreifen kann. Als Beispiel führt er die Legende des Christian Rosenkreutz (Rosi- crucius), dem Begründer des Rosenkreuzertums, einem Ver- bund verschiedener spiritueller Gemeinschaften, an. Der Über- lieferung zufolge soll Rosicrucius 1378 im deutschsprachigen Raum geboren worden sein und auf ausgedehnten Reisen in den Orient eine Fülle von Geheimwissen und magischen Kennt- nissen erworben haben. Als er 1484 starb soll er seine esoteri- schen und okkulten Schriften mit ins Grab genommen und vor seinem Tod verfügt haben, dass die Gruft mit dem verborgenen Wissen erst 120 Jahre nach seinem Tod geöffnet werden dürfe. Erst dann sollten seine Erkenntnisse der Menschheit offenbart werden. Der Legende nach soll sich schliesslich ein Abenteurer auf der Suche nach den arkanen Schriften Zutritt zur Gruft ver- schafft haben. Beim Betreten des Grabes soll der Eindringling von einem grellen Licht geblendet worden sein. Ein Humanoid in Rüstung – der Grabwächter des Rosicrucius – soll daraufhin mit seinem Kommandostab eine vor sich befindliche brennen- de Lampe zerschlagen haben. Diesen Augenblick fängt Füssli in unserem Gemälde ein. Die "ewige Lampe" symbolisiert Budgell zufolge dabei das Geheimwissen und der Gepanzerte den letz- ten Willen des Rosicrucius, seine Erkenntnisse der Menschheit letztendlich doch vorzuenthalten. Dieses Meisterwerk Füsslis, das durch seine dynamischen Figuren und die dramatischen Lichteffekte besticht, war- tet mit einer äusserst illustren Provenienz auf. So war das Gemälde ab 1976 Teil der bedeutenden Sammlung Thyssen- Bornemisza und wurde in der Villa Favorita in Castagnola am Luganersee ausgestellt. Bis zumUmzug der Sammlung aus dem Tessin nach Madrid im Jahre 1993 verblieb das Gemälde dort, bevor es dann direkt aus der Sammlung von einem Schweizer Kunstsammler angekauft wurde. Es ist uns daher eine beson- dere Freude, dieses Gemälde nach Jahrzehnten im Privatbesitz wieder der Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen. CHF 150 000/250 000 (€ 163 040/271 740) 148

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