GEMÄLDE ALTER MEISTER 27. MÄRZ 2026

3072 FRANÇOIS BOUCHER (1703 Paris 1770) Hochzeit von Ariadne und Bacchus auf der Insel Naxos (Grisaille). Öl auf Leinwand. 41 × 80,5 cm. Provenienz: - Wohl Sammlung Jacques-Germain Soufflot (1713–1780). - Wohl Auktion Sammlung Jacques-Germain Soufflot, Paris, 20.11.1780, Los 13 (mit dem Gegenstück "Der Triumph von Neptun und Amphitrite"). - Wohl Sammlung Jean-Baptiste-Pierre Lebrun (1748–1813), Paris. - Sammlung Louis Watel Dehaynin (1885–1972) und Antoinette Céleste Watel-Dehaynin (geb. Lasson, 1890–1962), Normandie, Frankreich. - Sammlung Fanny (1917–2023) und Bernard Watel (1909–2000) nach 1972, Lausanne. - Durch Erbschaft an heutigen Besitzer. Literatur: Wohl Alexandre Ananoff: François Boucher, Bd. II, Lausanne–Pa- ris 1976, S. 200, Nr. 528. Mit einer kunstwissenschaftlichen Analyse von Dr. Françoise Joulie (18.1.2026), wofür wir ihr danken. Sie wird dieses Gemäl- de in ihrer Publikation über die Wandteppiche der Manufaktur Beauvais aufnehmen, die in Kürze erscheinen wird. Dieses aussergewöhnliche Gemälde entstammt einer Schweizer Privatsammlung, in der es sich seit mehreren Gene- rationen im Besitz derselben Familie befunden hat, und stellt eine bedeutende Neuentdeckung für die französische Malerei dar. Gezeigt wird eine Szene aus der griechischen Mythologie mit der Hochzeit von Ariadne, Tochter des Königs Minos, und Bacchus, dem Gott des Weines. Ariadne, die vom Theseus trotz Treuebekenntnis verlassen wurde, hatte sich in der Folge auf Bacchus eingelassen. Vor einem antiken Tempel und umgeben von einer jubelnden Menschenmenge erscheinen die sich Ver- mählenden als jugendliches und idealisiertes Paar. Zahlreiche für Bacchanale typische Motive bereichern die Darstellung: Ein Satyr schenkt Wein in einen grossen Kelch, ein weiterer hält links eine Thyrsus-Stange, Mänaden begleiten das Fest mit Musik, Putti schweben über der Szene, und in der rechten Bildhälfte sind die beiden Leoparden zu erkennen, die traditionell den Wagen des Bacchus ziehen. François Boucher zählt zu den vielseitigsten Künstlern des 18. Jahrhunderts und war als Maler, Kupferstecher, Zeichner und Dekorateur tätig. Seine Virtuosität tritt in dem vorliegenden Werk deutlich zutage. Wie bei zahlreichen seiner Entwurfsarbeiten be- legt die monochrome Ausführung in Grisaille, dass Boucher zu- nächst Komposition und Lichtführung entwarf, bevor er Farbe einsetzte. Charakteristische Elemente seines Stils, wie perspek- tivische Verkürzungen, prägnante Akzentsetzungen und verein- fachte Volumen, sind klar erkennbar. Die dynamische Bildanlage verweist auf die reife Schaffensphase des Künstlers um 1750. In dieser Zeit war Boucher eng mit der Pariser Manufaktur von Beauvais verbunden, die unter dem Schutz des Königs stand und für die er zahlreiche Teppichentwürfe schuf. Um 1747 er- hielt er den Auftrag, einen Zyklus zu den Liebesgeschichten der Götter nach "Ovids Metamorphosen" und der "Ars Amatoria" zu entwerfen. Zu den vorgesehenen Themen gehörte auch die Hochzeit von Bacchus und Ariadne; wobei Letzt endlich wurde ein etwas abgeänderter Entwurf mit Fokus auf den Triumpfzug des Bacchus ausgeführt. Ein weiterer Hinweis darauf, dass Boucher sich in den Jahren 1747–48 intensiv mit der Thematik der Hochzeit von Ariadne und Bacchus auseinandersetzte, ist ein von ihm ausgeführter Entwurf für einen Fächer, in dem der- selbe antike Tempel, die Satyrn, Bacchantinnen sowie die be- gleitenden Leoparden erscheinen (siehe Inv.-Nr. 9071, National Gallery of Canada, Ottawa). Die von Dr. Françoise Joulie durchgeführten Recherchen weisen auf eine bemerkenswerte Provenienz hin. Eine Grisaille mit dem Triumph der Amphitrite und des Neptuns von ähnlichen Mas- sen (48 × 89 cm), wie das hier angebotene Werk, wurde gemein- sam mit ihrem Gegenstück, einer Allegorie einer Hochzeit, am 20. November 1780 aus der Sammlung des Architekten Jacques- Germain Soufflot (1713–1780) versteigert (siehe Ananoff 1976, S. 200, Nr. 528). Soufflot und Boucher verband eine enge Freund- schaft; beide verkehrten im Umkreis des Marquis de Marigny, Generaldirektor der königlichen Bauten und Bruder von Jeanne- Antoinette Poisson (1721–1764), Marquise de Pompadour und HerzoginvonMénars.Esistdurchausdenkbar,dassSoufflotbeide Gemälde direkt vom Künstler erwarb, nachdem dieser sich 1755 dauerhaft in Paris niedergelassen hatte. Bei der Soufflot-Auktion gelangte das Los in den Besitz des Kunsthändlers Lebrun für dessen Privatsammlung. In der Folge trennten sich die Wege der beiden Skizzen: Während das hier besprochene Werk bereits früh weiter veräussert wurde, tauchte der Triumph des Neptuns in der Lebrun-Auktion von 1791 unter der Nr. 302 wieder auf und wurde von dessen Sohn zurückerworben. For the English translation see online: www.kollerauktionen.ch . CHF 200 000/300 000 (€ 217 390/326 090) Dr. Françoise Joulie wird dieses Gemälde und Los 3081 anlässlich unserer Highlights-Ausstellung in Genf, Rue de l'Athénée 2, am 11. März 2026 um 18 Uhr vorstellen. 104

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