GEMÄLDE ALTER MEISTER 27. MÄRZ 2026
3004 FLORENZ, UM 1410–1415 Madonna mit Kind und den Heiligen Dorothea, Katharina von Alexandrien, Jakobus dem Jüngeren und Antonius Abbas. Tempera und Goldgrund auf Holz. 82,1 × 48,7 cm. Provenienz: - Sammlung Veropa, Zürich. - Auktion Fischer, Luzern, 24.–28.11.1953, Los 1883 (als Meister des Bambino Vispo). - Schweizer Privatsammlung. Mit einer kunsthistorischen Analyse von Prof. Gaudenz Freuler, Januar 2026. Die hier erstmals seit beinahe achtzig Jahren wieder aufgetauchte Tafel der florentinischen Malerei des frühen 15. Jahrhunderts be- sticht durch ihre monumentale Wirkung und zukunftsweisende Eleganz. Das Geschehen spielt sich vor einer bräunlich-grün getönten Wiesenlandschaft unter einem goldenen Himmel ab. Erhöht und zentral thronen Madonna und Kind, flankiert von vier Heiligen, deren ruhige, zugleich aber spannungsvolle Präsenz der zentralen Gruppe einen feierlichen Rahmen verleiht. Das Gemälde war in der Sammlung des Besitzers bisher Gherardo di Jacopo Starnina, genannt Meister des Bambino Vis- po (um 1360–1413) zugeschrieben. Die stilistische Analyse er- laubt stattdessen eine klarere Einordnung in das künstlerische Umfeld der ersten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts, eine Zeit des tiefgreifenden künstlerischen Umbruchs in Florenz, als der Über- gang von der Spätgotik zu einem neuen figuralen und konzeptio- nellen Verständnis der Renaissance einsetzte. In unserer Tafel ist dieser Paradigmenwechsel von der Spät- gotik hin zur Frührenaissance besonders gut spürbar. Ihr Auf- bau verweist dabei auf Kompositionsmuster aus dem Umkreis Gherardo Starninas. Besonders auffällig ist dies in den Gesten der Heiligen, deren weit ausgreifende, zugleich zurückgeneigte Körperhaltungen Motive aus Starninas Werken aufgreifen – etwa aus seiner Madonna in der Galleria dell’Accademia oder aus Werken seines Mitarbeiters Scolaio di Giovanni. Diese Posen ermöglichen üppig geführte, bewegte Draperien, die der Kompo- sition eine elegante Dynamik verleihen. In der figürlichen Typologie hingegen, insbesondere imMadonnen- bildnis selbst, scheint das Werk stärker an das von Agnolo Gaddi (1350 Florenz 1396) beeinflusste Repertoire des Lorenzo Monaco (um 1370–1425) anzuknüpfen, des damals wohl erfolgreichsten spätgotischen Malers. Offensichtlich greift unser Künstler den anmutigen,jugendlich-blonden Frauentypus auf, wie er beispiel- haft in Lorenzos Madonna im Museo Civico in Prato (ca. 1412) zu finden ist. Die stilistischen Bezüge zu Starnina und Lorenzo Monaco erlauben für unsere Tafel eine Datierung um 1410–1415. Sie steht damit an der Schwelle zur Frührenaissance, was sich insbesondere in der plastisch modellierten Erscheinung der Madonna ausdrückt. Diese weist auf das sogenannte Giotto- Revival hin, eine Strömung, die – inspiriert vom grossen Meister des 14. Jahrhunderts – eine neue Natürlichkeit, Körperlichkeit und emotionale Ausdruckskraft suchte. Diese Konzepte wurden wenig später durch Masaccio (1401–1428) und Fra Angelico (um 1395–1455) mit grösserer Klarheit im Sinne der Renaissance weiterentwickelt. Parallel dazu existierten weiterhin spätgotische Tendenzen, wie sie etwa der Meister der Madonna Strauss (häufig mit Ambrogio Baldese (um 1372–1429) identifiziert) oder Giovanni dal Ponte (1385–1438) vertraten. In einem erweiterten Spektrum möglicher Zuschreibungen könnten zudem Masolino da Panicale (1383– 1447) oder Battista Sanguigni (tätig um 1393–1451) in Betracht gezogen werden. Dennoch lässt sich keiner dieser Künstler überzeugend mit dem vorliegenden Werk in Verbindung bringen. Die herausra- gende technische Qualität, die sich in der präzisen Ausführung selbst feinster Details zeigt, etwa in der Haarmodellierung, die spätgotisch stilisiert, aber zugleich stofflich und plastisch wirkt, verweist auf ein künstlerisches Niveau, das deutlich über der genannten Werkstatttradition liegt. Vergleichbare Qualitäten sind etwa in den Frühwerken von Masaccio, Masolino oder Fra Angelico zu finden. Wir danken Prof. Gaudenz Freuler für die wissenschaftliche Un- terstützung bei der Katalogisierung dieses Loses. CHF 80 000/120 000 (€ 86 960/130 430) 8
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