GEMÄLDE ALTER MEISTER 27. MÄRZ 2026

3060 ISAAC SOREAU (1604 Hanau am Main um 1645) Früchtestillleben mit Trauben auf einem Zinnteller sowie Apri- kosen, Kirschen und Nüssen auf einem Tisch. Um 1640. Öl auf Holz. 53,2 × 73 cm. Gutachten: Prof. Dr. Gerhard Bott, 6.2.2012 (in Kopie vorhanden). Provenienz: - Alte Sammlung, 1777, Nr. 65 (verso mit Etikett). - Sammlung Schulthess, Basel. - Sammlung Pierre Pobé, Basel, bis 1979. - Auktion Sammlung Pierre Pobé, Auctiones AG, Basel, 23.2.1979, Los 30. - Schweizer Privatsammlung. Literatur: - Gerhard Bott: Stillebenmaler des 17. Jahrhunderts, 1961/62, Kunst in Hessen, S. 27 ff. - Gerhard Bott: Die Stillebenmaler Soreau, Binoit, Codino und Marrell in Hanau und Frankfurt 1600-1650, Hanau 2001, Nr. IS.8, S. 174. Man möchte sie vom Zinnteller nehmen, die prallen, glänzenden Trauben und hineinbeissen. Isaac Soreau täuscht unsereWahrneh- mung mit dem verblüffenden Naturalismus der gemalten Früchte des hier angebotenen Stilllebens. Wie er ihre Formen durch sub- tilste Farbabstufungen modelliert und gezielt beleuchten lässt, wie die Oberflächen matt schimmern, welche Effekte er mit Schatten und Spiegelungen erzielt – das zeugt von einer Meisterschaft, die seine Gemälde zu musealen Kostbarkeiten machen. Das Histori- sche Museum Schloss Philippsruhe in Hanau nahe Frankfurt/M. erwarb im Jahr 2010 sein 1645 entstandenes Gemälde "Früchte- körbe, Früchteschale, Porzellankumme, Blumenvase und Gemüse" und sicherte sich so eines der wenigen erhaltenen Werke des be- rühmten Bürgers dieser Stadt. Aber was macht ein Stilllebenmaler des 17. Jahrhunderts mit fran- zösischem Namen in Hanau? Isaac Soreau ist Nachfahre walloni- scher Protestanten aus dem Gebiet des heutigen Belgien. Seine Familie, ursprünglich Händler, hatte den damaligen Spanischen Niederlanden infolge der Glaubenskriege den Rücken gekehrt und sich in Hanau niedergelassen. Isaac Soreaus Vater Daniel (1560– 1619), selbst Stilllebenmaler, von dessen Wirken sich leider prak- tisch nichts erhalten hat, unterrichtete nicht nur Isaac und dessen Zwillingsbruder Peter (1604–1672), sondern auch den Strassburger Sebastian Stosskopf (1597–1657), der das Atelier seines Lehrmeis- ters übernehmen und es zum bedeutenden Maler bringen sollte. Peter Binoit (1590–1632), selbst ein wichtiger Vertreter der Still- lebenmalerei, heiratete in die Familie der Soreaus ein. Dass die Soreaus sich in der hessischen Kleinstadt wieder fanden, war dem klugen wirtschaftlichen Kalkül des dort regierenden Grafen PhilippLudwigII.vonHanau-Münzenberg(1576–1612)zuverdanken. Dieser betrieb nämlich die aktive Ansiedlung protestantischer Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und den Provinzen der Spa- nischen Niederlande. Viele dieser Auswanderer waren hoch spezialisierte Handwerker und reiche Kaufleute. Im lutherischen Frankfurt fühlten sie sich nicht recht wohl, doch die Nähe zur wich- tigen Messe wollten sie auch nicht missen. Der weitsichtige Graf hoffte auf einen wirtschaftlichen Aufschwung für sein Land durch daswertvolleWissen undKönnen dieser Spezialisten und locktemit Glaubensfreiheit und neuer Infrastruktur. Denn sie verpflichteten sich vertraglich dazu, sich rege am Aufbau einer vomGrafen neben der Hanauer Altstadt ab 1597 gegründeten Ansiedlung zu betei- ligen. In diese Neustadt mit schachbrettartigem Grundriss wur- den sie eingebürgert und produzierten und importierten begehrte Luxusgüter. Der Dreissigjährige Krieg sollte bald an den neuen Festungsmau- ern des Städtchens rütteln; keine guten Zeiten für einen Stillleben- maler, sollte man meinen. Doch die Werke Isaak Soreaus und sei- nes Bruders Peter, der sich später in Frankfurt einbürgern liess und dort ein Atelier betrieb, zeichneten sich durch wiedererkennbare Elemente aus, etablierten sich als "Marke" mit erhöhtem Bekannt- heitsgrad und waren daher bei mächtigen adligen Kunstsammlern gefragt. Zeugten sie doch durch ihre nie überladene Komposition von feinem und vornehmen Geschmack und waren gleichzeitig mit der naturgetreuen Darstellung von Blumen, Früchten und Tie- ren ein wahres Sinnesfest. Die fünf menschlichen Sinne Riechen, Tasten, Schmecken, Hören und Sehen in einem Bild darzustellen ist ein anspruchsvolles und im Barockzeitalter wichtiges künstle- risches Ziel. Isaak Soreau setzt es in unserem Stillleben perfekt um. Wir meinen das leise Summen der Fliege zu hören, die sich auf der aufgebrochenen Aprikose links niedergelassen hat, glau- ben die Frucht riechen zu können. Die samtigen Hüllen der Hasel­ nüsse am vorderen Bildrand verführen dazu, die Bildoberfläche zu berühren. Was wir sehen, spricht aber auch unseren Verstand an. Früchte des frühen Sommers, wie Kirschen und Aprikosen mit den imHerbst reifenden Trauben und Haselnüssen in einer Darstellung zu kombinieren, das macht die Täuschung von Körper und Geist gleichermassen zum Bildthema. Isaac Soreau hat das Motiv des mit Trauben beladenen Zinntellers und einigen imVordergrund angeordneten Früchten auf Holzgrund mehrfach variiert. In einer um 1980 in Paris bekannt gewordenen Version (siehe dazu Bott, 2001, Nr. IS.10, S. 175) stellt er ihm eine Glasvase mit Blumen bei. Bei der unserer Version am nächsten kommenden Variante "Traubenteller mit Pfirsichzweig" (Bott, 2001, Nr. IS.9, S. 174) liegt rechts neben dem Teller noch ein Messer. Die- ses mit 36 × 51 cm deutlich kleinere Gemälde befindet sich heute in der Alten Pinakothek München (Inv.-Nr. 7053). CHF 25 000/35 000 (€ 27 170/38 040) 86

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