WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS 26. MÄRZ 2026

10 den, Silber und weiterer dekorativer Kunst ausgestattet. Charles' Nachfahren verkauften 1926 das Schloss mitsamt Inventar an Jacques-Arnold Amstutz, welcher wiederum den Gesamtkauf nach weniger als drei Monaten an die So- ciété Immobilière (S.I.) Sans-Souci veräusserte. Zu einem Besitzwechsel und zugleich einem öffentlichen Ereignis kam es erst wieder 1957, als das Château Bartholoni im Rahmen einer Auktion versteigert und auch das Mobiliar und die Kunstwerke angeboten wurden. Hier wurde die Skulptur der Venus wohl verkauft, denn sie tauchte dann 1961 erneut in einer Basler Auktion auf. Ob sie anschlies- send direkt oder auf Umwegen in die Sammlung von Henri E. Smeets (1905–1980) gelang, ist unklar. Der holländische Antiken-Sammler trug Kunstwerke aus Ägypten, dem Na- hen Osten, der Iberischen Halbinsel, Sardinien sowie aus der griechischen, etruskischen, römischen und byzantini- schen Welt über 25 Jahre zusammen. Seine bedeutende Sammlung wurde1977 vor seinem Tod bei Sotheby’s ver- steigert, unsere Venus kam auf diesem Wege wieder in eine Schweizer Privatsammlung. Dass sich unsere "Bartholoni"-Venus bereits in bekannte Sammlungen eingliederte, verwundert nicht, denn die als Vorbild dienende, griechische Aphrodite von Knidos erfährt seit jeher grosse Aufmerksamkeit sowie Faszination und hat bis heute Einfluss auf die Kunst. Praxiteles’ Innovation der entblössten, dreidimensionalen sowie lebensgrossen Göttin, kreierte er um 350–340 v. Chr. Ursprünglich bot Pra- xiteles seine Aphrodite der Stadt Kos an, welche diese ge- wagte Neuheit ablehnte, jedoch anschliessend in der Stadt Knidos Anklang fand. Erhalten blieb sie aufgrund eines Feuers nur bis ins Jahr 476 n. Chr. Dank ihrer Berühmtheit, Schönheit und idealen Proportionen wurde sie jedoch von namhaften Philosophen wie Cicero, Plinius und Lukian do- kumentiert wie auch von griechischen und römischen Bild- hauern in jeglichen Dimensionen und Materialien kopiert und somit auch verbreitet. Eine der bekanntesten Kopien der Knidos Aphrodite ist die Kapitolinische Venus (Musei Capitolini Inv.-Nr. MC0409). Diese physischen und schrift- lichen "Zeugen" und Varianten sowie ihre Darstellung auf Münzen helfen bei der Rekonstruktion einer Vorstellung, wie Praxiteles' Aphrodite von Knidos wohl aussah. Mit der Verbreitung von griechischen bzw. römischen Kopien transformierte sich die weibliche Aktskulptur der Aphrodite in eine lateinische Venus und schmückte nicht nur private Innenräume, sondern auch öffentliche Bauten und Tempel. Vereinfacht formuliert ist Aphrodite die Göttin der Liebe und Schönheit. Als Inbegriff antiker Ästhetik beeinflusst sie, resp. ihr römisches Pendant der Venus, bis heute unsere Vorstellung von Schönheit. Ihre Popularität bzw. die Auseinandersetzung mit ihr und ihrer Bedeutung, of- fenbart sich in ihren zahlreichen Darstellungen im Kanon der Kunstgeschichte. Bedeutende Werke reichen von Botticelli’s Geburt der Venus, um 1585 (Le Gallerie degli Uffizi Inv.-Nr. 1890 n. 878), über alle Epochen, bis zu heu- tigen, darunter auch kritischen Auseinandersetzungen wie Niki de Saint Phalle's "Black Venus", 1965–67 im Whitney Museum (Inv.-Nr. 68.73). So fasst auch Christine Mitchell Havelock in ihrem Buch zusammen wie die Bedeutung der Aphrodite und auch der Venus über Jahrtausende überlebt hat und die Kunst weiterhin prägt: "… [the nude Aphrodite figures] … have a more universal meaning: they are ideal conceptions of sexuality and the nature of love. They also express the vitality of a new, not a declining, period of art history. As in the past, Greek artists were responding ima- ginatively to a valid but different challenge. Praxiteles had pointed the way." (The Aphrodite of Knidos and Her Suc- cessors. Michigan 1995, S. 144.) Dass es sich bei der "Bartholoni"-Venus um ein museales Artefakt handelt unterstreicht nicht zuletzt, dass sie Teil der Ausstellung "The Awakened. The Ruins of Antiquity and the Birth of the Italian Renaissance" 18.7.–15.10.2023 im Royal Castle in Warschau war. Gemeinsam mit anderen antiken Skulpturen wurde deren Faszination und Einfluss auf die Kunst der Renaissance beleuchtet, wobei die Aus- stellung wichtige Werke aus renommierten Museen, unter anderem den Gallerie degli Uffizi, dem Louvre und British Museum, zusammentrug. CHF 500 000/800 000 (€ 543 480/869 570) Ansicht der ‘Bartholoni’ Venus vor der Restaurierung. Quelle: AuktionMünzen undMedaillen A.G.: "Kunstwerke der Antike - Auktion XXII", Basel, 13.5.1961, Lot 20. Bitte beachten Sie auch unser Video:

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