WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS 26. MÄRZ 2026
14 1011* MONUMENTALER REGISTERBEHANG Koptisch, Ägypten, Fundort wohl Sheikh Abadeh, ca. 5.–7. Jh. n. Chr. Leinengrund mit polychromen Wollfäden. Oberste Darstellung mit drei unter Rundbögen stehenden Adoranten, die Hände zum Gebetsgestus gehoben. Die linke und mittlere sind wohl weibli- che Figuren mit reichem Halsschmuck und Ohrringen, die mittle- re zusätzlich mit aufwändigem Haarschmuck. Über den Köpfen mit Resten von griechischen Tituli. Mosaikdekor an Säulen und Bögen. Darunter ein Bildsegment mit Rundmedaillon, wohl ein Sonnensymbol, flankiert von zwei Vögeln, der linke wohl ein Ad- ler, der rechte ein Pfau. Darunter ein Bildsegment mit fünf stehen- den Figuren, der linke und mittlere mit Flügeln, evtl. Darstellung von Engeln, die Hände ebenso zum Gebetsgestus gehoben. Die zentrale Figur mit Nimbus und Stab. Die linke Figur ganz aussen ebenfalls mit Stab. Wiederum mit Resten von griechischen Titutli. Die unterste Bildzone mit springenden Löwen zwischen Bäumen. Die vier Bildzonen sind durch vier horizontale Bordürestreifen mit geometrischen, teils verkröpften Mustern begrenzt, links und rechts sind die vier Bildzonen von zwei säulenartigen vertikalen Streifen gesäumt, im unteren Bereich ist je ein Kopf erkennbar. Eine zusätzliche breite Bordüre mit geometrischen Mäander- banddekor umrahmt die untere Hälfte der Szenerie. Ein zusätz- licher, unterer Streifen zeigt ein Vogelreigen, wohl Tauben, mit stilisiert-geometrischer Blütengirlande. Ca. 405 × 310 cm. Verschiedene Fragmente zusammengefügt. Teils ergänzt. Res- taurierungen. Risse. Provenienz: - Auktion Ars Antiqua Luzern, 14.5.1960, Lot. 41. - Kunst- und Antiquitätenmesse München, 1960 (gem. Kopie eines Schreibens von Dr. Klaus Parlasca datiert 23.5.63). - durch Erbschaft in heutigen süddeutschen Privatbesitz, an obiger Messe erworben. Unter dem Schlagwort "koptische Textilien" werden in Ägypten gefertigte Gewebe zusammengefasst, die etwa zwischen dem 3. und dem 10. Jahrhundert n. Chr. entstanden sind. Ihre meist aus- sergewöhnlich gute Erhaltung ist vor allem den klimatischen Be- dingungen des Landes zu verdanken. Innerhalb der sogenannten koptischen Kunst bzw. der spätantiken Kunst Ägyptens nehmen Textilien in der Forschung einen hohen Stellenwert ein. Der Be- griff "koptisch" ist dabei nicht primär im christlich-konfessionellem Kontext zu verstehen, denn er geht etymologisch auf das griechi- sche Wort "aigyptioi" zurück und gelangte über das Arabische "quibt"/"quodt" in den heutigen Sprachgebrauch. Während also "Kopten" bis heute die christliche Bevölkerung Ägyptens bezeich- net, meint das Adjektiv "koptisch" im kunst- und kulturhistorischen Zusammenhang vor allem die geographische Herkunft sowie eine historische Epoche. Die zeitliche Einordnung koptischer Textilien ist trotz moderner naturwissenschaftlicher Methoden häufig mit Unsicherheiten be- haftet. Auch die Radiokohlenstoffdatierung C14 liefert relativ wei- te Datierungsspannen, die eine präzise chronologische Fixierung erschweren. Als ergänzendes Instrument für die Datierung sind stilistische Vergleiche deshalb weiterhin relevant. Ein Grossteil der überlieferten koptischen Textilien stammt aus Gräbern. Es handelt sich überwiegend um Kleidungsstücke und liturgische Gewänder von Verstorbenen. Am häufigsten sind Fragmente von Tuniken in unterschiedlichen Varianten, Kopfbe- deckungen, Fussbekleidungen oder Reste von Manteltüchern. Davon zu unterscheiden ist eine zweite Gruppe, die sogenann- ten Ausstattungstextilien, zu denen auch der vorliegende Wand- behang gezählt werden muss. Diese zweite Gruppe umfasst Wandbehänge, Vorhänge, Decken, Kissen und Tücher. Ihre Verwendung wird häufig als textiler Ersatz oder Ergänzung zur Wandmalerei interpretiert, insbesondere im Innenraum von Kir- chen- und Klosterbauten, wo sie eine repräsentative und zugleich funktionale Rolle spielten. Das hier vorliegende Textilfragment zeichnet sich durch eine aussergewöhnliche Monumentalität aus. Aus der betreffenden Zeit sind nur selten derart grosse, zusammenhängend wirkende Textilflächen erhalten. Obwohl das Objekt aus mehreren Frag- menten zusammengesetzt ist, vermittelt es ein geschlossenes Gesamtbild von hoher ästhetischer und musealer Qualität. Be- merkenswert ist zudem der gute Erhaltungszustand der origina- len, antiken Partien. Der reiche Detailgrad sowie die komplexe Bildsprache mit figürlichen Darstellungen, Ornamenten, floralen und faunistischenMotiven verweisen auf eine frühe Phase christ- licher Ikonographie, in der sich die Bildsprache erst allmählich zu kanonisieren begann. Vergleichbare Stoffe mit einem derart dich- ten und vielschichtigen Bildprogramm sind äusserst selten. Eine besonders enge stilistische und ikonographische Verwandt- schaft besteht zu einem Vorhangstoff in der Abegg-Stiftung in Riggisberg im Kanton Bern (vgl. Sabine Schrenk/Abegg Stiftung (Hg.): Textilien des Mittelmeerraumes aus spätantiker bis früh- islamischer Zeit. Riggisberg 2004, S. 51, Nr. 8). Jenes Exemplar wurde am 2. Mai 1959 bei Ars Antiqua in Luzern (Lot 28) von Wer- ner Abegg erworben und 1963 in die Stiftung eingebracht. Im Auktionskatalog von Ars Antiqua aus dem Jahr 1960 wird das hier im Angebot stehende Textil als Pendant zu dem vorjährig verkauften und von Werner Abegg erworbenen Vorhangstoff be- zeichnet. Ein weiterer wichtiger Vergleich ist ein fragmentierter Registerbe- hang aus dem Landesmuseum Württemberg (Inv.-Nr. 1984–103) mit den Massen 208 × 243,5 cm. Dieses Objekt gilt als heraus- ragendes Beispiel der sogenannten Registerbehänge, die ihren Namen der zonenartigen Gliederung des Dekors verdanken. Charakteristische Motive wie die Rundbogenarchitektur, ein Vogelfries mit hängendem Gebilde im untersten Register sowie Löwenfiguren in den mittleren Zonen finden sich in vergleichba- rer Weise auch bei unserem Textil. Darüber hinaus ist ein kopti- sches Vorhangfragment im Detroit Institute of Art (Inv.-Nr. 46.75) hervorzuheben, das, ähnlich wie das hier vorgestellte Stück, eine
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