WORKS OF ART & DECORATIVE ARTS 26. MÄRZ 2026
24 1016* STELLKREUZ MIT MIKROSCHNITZEREI UND LATEINISCHEN TITULI Italo-Griechisch/Spätbyzantinisch, letztes Viertel 16. Jh. Georgios Laskaris (aktiv 1538–1583) und seiner Werkstatt zugeschrieben. Buchsbaumholz auf zylindrischem Zapfen allseitig intrikat und teils durchbrochen geschnitzt mit 20 neutestamenta- rischen Szenen unterteilt in vier Registern sowie mit teils lateinischen Tituli für Szenen (Transformatio, Crucificatio, Sepulcrum, Resurectio, Annuntiatio, Nativitas, Pur(x)tio, Palmarum Celebratio, Christus Orat, Depositio (x) in Sepul, Chr. Docet Marias, Pencoste, (x) Genitrics Dei, Christus Docet, Palpatio, Resurectio Lazari). Die Schmalseiten ebenso gearbeitet. Die reliefierten Felder mit Aufsicht mit Darstellung von Petrus und Paulus sowie eine Groteske. Auf hexagonalem, gestuftem Bergkristallsockel. H mit Sockel 23,3 cm, L 9 cm. Ausbrüche und Fehlstellen. Risse. Provenienz: Kanadischer Privatbesitz. Bemerkenswerterweise ist es bereits das dritte bei Koller Auktionen zum Ausruf kommende und bislang unveröf- fentlichte Stellkreuz, das dem Schnitzer Georgios Laska- ris zugeschrieben werden kann (vgl. Koller Auktionen Zü- rich, 19.10.2024, A210/Lot 1030 und 21.10.2023, A206/ Lot 1062). Anders als die Mehrzahl der in altgriechischer Schrift ausgeführten Kreuze aus der Werkstatt des Schnit- zers weist unser Exemplar als Besonderheit lateinische Ti- tuli auf. Es nimmt im Werkkorpus des Künstlers somit eine Sonderstellung ein, wobei unser Kreuz eine unmittelbare Verwandtschaft zum sogenannten "Malcove"-Kreuz (siehe Lillian Malcove Collection, Art Centre, University of Toron- to) erkennen lässt. Als eines der wenigen bekannten Se- genskreuze aus der Werkstatt Laskaris besitzt auch das ka- nadische Pendant lateinische Tituli (vgl. Sheila Campbell: A 16th Century Italo-Byzantine Cross, Gorgias Press, New Jersey 2012). Unser Kreuz folgt in Aufbau, Form und Iko- nografie nahezu detailgetreu dem kanadischen Beispiel. Eine Erklärung für den Gebrauch lateinischer Tituli bei Las- karis könnte darin liegen, dass diese Kreuze als Auftrags- arbeiten für den italienischen bzw. venezianischen Markt entstanden. Der Kulturaustausch zwischen Venedig und dem byzantinischen Raum ist allgemein bekannt, sodass anzunehmen ist, dass sich Laskaris’ Segenskreuze gros- ser Beliebtheit erfreuten und die Werkstatt in italienische Gebiete exportierte. Dr. Ueli Dubs vermutet, dass solche lateinischen Segenskreuze wohl in einer Reifephase der Produktion Laskaris’ entstanden. Obwohl bislang kaum biografische Angaben zum Schnit- zer Georgios Laskaris bekannt sind, wissen wir anhand von 16 datierten Kreuzen (von denen acht zusätzlich signiert sind), dass der wohl aus Kreta stammende Künstler zwi- schen 1538 und 1583 tätig war. Aufgrund stilistischer Ana- logien und vergleichender Analysen wird je nach Quelle ein Korpus von etwa 40–45 Kreuzen Georgios Laskaris und seiner Werkstatt zugeschrieben, die in zweiter und dritter Generation vermutlich von einer weitergeführten Werkstatt noch bis ins letzte Drittel des 17. Jh. produziert wurden. Die mittelgrossen, mikrogeschnitzten Kreuze zeichnen sich ty- pischerweise durch einen in mehrere Register unterteilten, domartigen Unterbau aus, aus demmittels Zapfen ein latei- nisches Kreuz emporragt. Der Aufbau dieser Kreuze folgt in der Regel einem ähnlichen Schema bei dem der Unter- bau häufig alttestamentliche Szenen zeigt, wohingegen das Kreuz neutestamentliche Szenen birgt. Professor Myr- tali Acheimastou-Potamianou vertritt die Auffassung, dass Georgios Laskaris – entgegen früheren Annahmen – nicht auf dem Berg Athos tätig war, sondern auf Kreta, vermut- lich in der Stadt Chandax (heute Heraklion), zu verorten sei. Die Kreuze Laskaris’ reihen sich in die spätbyzantinische Bildtradition ein, wie sie in den Klöstern der Bergregion Athos auf dem griechischen Festland gepflegt wurde. Die Funktion solcher mikrogeschnitzten Kreuze ist im Kontext privater Devotion und häuslicher religiöser Praxis zu sehen. Wir danken Herrn lic. oec. et iur. Ueli Dubs, Kenner und Spezialist für Georgios Laskaris, für die Bestätigung der Authentizität (Zürich, 4.11.2025). Vergleichsliteratur: – Victor H. Elbern: Ein Kreuz des Georgios Laskaris in den Berliner Museen, in: Jahrbuch der Berliner Museen, Ber- lin 2003, Bd. 45, S. 65–76. – Myrtali Acheimastou-Potamianou: Wood Carved Cros- ses of the 16th Century by George Laskaris, in: Christian Archaeological Society, Studies of Archaeology and Art, Athen 2003. CHF 20 000/30 000 (€ 21 740/32 610)
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