IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026

110 ”Les trois grâces“ entsteht 1926 in Paris, wo Zadkine von den aufeinander- treffenden Strömungen des Kubismus, Expressionismus und Futurismus geprägt wird. Bis dahin arbeitet er vorwiegend in Stein und Holz, entschei- det sich jedoch, für den Salon des Tuileries desselben Jahres überra- schend zwei Bronzefiguren zu präsentieren, darunter auch diese Skulptur. Die vorliegende Plastik markiert einen entscheidenden Wendepunkt in Zadkines Œuvre. Während seine früheren Arbeiten noch stark vom Aus- gangsblock abhängig und reliefartig geprägt sind, eröffnet ihm die Bronze neue gestalterische Möglichkeiten. Nun kann er komplexe, durchbroche- ne Kompositionen frei modellieren. Typische Elemente wie das Spiel von Konvex und Konkav sowie die eingeritzten Linienstrukturen, die auch in der vorliegenden Bronze angewendet werden, veranschaulichen exempla- risch seine kubistisch-expressionistische Formensprache. Sylvaine Lecombre, Autor des Werkverzeichnisses, schreibt über die Skulptur: ”In ’Les Trois Grâces’ erlauben die Lücken den Figuren, sich frei im Raum zu entfalten. Zadkine fühlte sich mit dem Kubismus erst wohl, als er dessen formale Prinzipien auf seine eigenen Themen und seine künst- lerische Vision anwenden konnte. In dieser Gruppe von drei eng miteinan- der verbundenen Frauen verlieren die konkaven Schnitte, die plötzlichen Brüche in den Fugen, die flache Oberfläche eines Gesichts ihre Strenge. Was im Kubismus aggressiv gewesen sein mag, wird aufgeweicht, was mechanisch gewesen sein mag, wird vom Menschlichen zurückerobert“. (Übersetzt aus: Lecombre 1994, S. 199). Zadkines bildhauerisches Werk ist stark von der Auseinandersetzung mit der Antike geprägt, wobei mythologische Themen eine zentrale Rolle spie- len. Auch hier greift er das Motiv der drei Grazien auf, das er in seinem Œuvre mehrfach variiert, etwa in einer grösseren Version von 1950. Von dieser Bronzefigur existieren insgesamt fünf Güsse, von denen vier später, teils erst nach 1961, entstanden sind. Das hier angebotene Exem- plar gilt laut Zadkine Research Centre als erster und einziger früher Guss von 1926, der bereits im Salon des Tuileries ausgestellt war. Frühe Güsse sind äusserst selten und kaum auf dem Kunstmarkt anzutreffen. Während die späteren Exemplare nummeriert sind, bleibt dieses unnummeriert – ein Hinweis darauf, dass Zadkine diesem ersten Abguss besondere Bedeu- tung beimass und ihn lange in seinem Besitz behielt. Drei der später gegossenen Exemplare befinden sich heute in Museen, das vierte in einer niederländischen Privatsammlung.

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