IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026
120 In dem faszinierenden Porträt von René Magritte schaut eine junge Frau mit gelassenem und erhabenem Blick, der jedoch zugleich etwas Eindringliches hat, am Betrachtenden vorbei. Sie ist in goldenes Licht getaucht, hinter ihr verschmilzt das sanfte, ruhige Meer mit dem weiten Himmel. Bei dem Modell handelt es sich um Arlette, die Nichte des Künstlers, die zum Zeitpunkt der Entstehung des Werks wohl um die 17 Jahre alt ist. Ihre mandelförmigen Augen mit den feinen Augenbrauen, die sinnlich geschwungenen Lippen und der kontemplative Ausdruck ihres Gesichts ähneln Bot- ticellis Venus und verweisen somit auf diesen zeitlosen Arch- etypen. Während der Wind bei Botticelli in Form des Zephi- rus explizit dargestellt wird, scheinen Arlettes blonde Locken hier von einer sanften Brise aus dem Gesicht gestrichen zu werden. Magrittes Werk geht aber bei Weitem über das vertraute Genre des Porträts oder die symbolhafte Darstellung von Schönheit hinaus. Es verbindet die real existierende darge- stellte Person mit einer surrealen Welt und schafft so neue, unerwartete Bezüge und mögliche Interpretationen. Dazu dienen dem Künstler Motive wie das Wasserglas, die Rose und die drei ”Bilboquets“ im Hintergrund. Bereits 1926, als Magritte seine Ehefrau Georgette porträ- tierte, bediente er sich dieses letzeren Requisits, das er fort- an immer wieder in seiner Bilderwelt einsetzte (vgl. Abb.). Das Bilboquet, ursprünglich ein Geschicklichkeitsspiel für Kinder, wird bei Magritte zu schachartigen, überkopfhohen Riesenfiguren. Halb Objekte, halb Menschen, bilden die Bil- boquets den Übergang von der realen zur imaginären Welt. Auch die unendliche Weite des Himmels und des Wassers unterstreichen diese übersinnliche Dimension. Renoir, mit dem sich Magritte vertieft auseinandersetzt, stellt Kinder in seinen Porträts oft mit Bilboquets dar. Während sie bei Ersterem jedoch lediglich Spielzeug bleiben, erhalten sie in Magrittes Werk die oben beschriebene Leitfunktion zu sei- nem surrealen Universum. Renoir dient Magritte aber auch in stilistischer Hinsicht als Vorbild: Die diffuse Behandlung des Lichts, die subtilen Farbverläufe, die warme Farbpalette und die weiche Modellierung erinnern an Renoirs späte Porträts. Diese impressionistischen Merkmale, wie wir sie vor allem in Magrittes Spätwerk vorfinden, passen zur Datierung des Ge- mäldes im Werkverzeichnis um 1950. Das anhand der Dar- stellung geschätzte Alter Arlettes, die 1933 geboren wurde, sowie der Vergleich mit einem weiteren, in dieser Zeit ent- standenen Bildnis deuten ebenfalls auf diesen Entstehungs- zeitraum hin. Zuletzt ist die ausserordentliche Provenienz dieses Werks zu betonen: Es blieb über 50 Jahre in der Familie Magritte, bevor es 2001 auf den öffentlichen Kunstmarkt gelangte. Magrittes ”Portrait d’Arlette“ war zudem auf bedeutenden Ausstellun- gen in Japan (1982) und Brüssel (1984/85) zu sehen. Portrait de Georgette au bilboquet. 1926. Öl und Bleistift auf Leinwand. 55 x 45cm. © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Paris, Dist. GrandPalaisRmn / Philippe Migeat, Christian Bahier. © 2026, ProLitteris, Zurich
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