IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026

24 Einen Grossteil der 1880er-Jahre verbringt Renoir mit der Vor- bereitung und Ausarbeitung von ”Les grandes baigneuses“. Das monumentale Gemälde mit fünf spielenden Nymphen sollte ein Manifest des von Ingres beeinflussten linearen Stils sein, dem Renoir viel Zeit und Energie widmet. Die Ausstel- lung des Werks 1887 in Paris wird jedoch alles andere als ein Erfolg und fällt bei Kritikern weitgehend negativ aus. Nachdem Renoir diese Enttäuschung überwunden hat, kehrt er 1888 mit neuer Motivation und einer veränderten maleri- schen Herangehensweise zurück: ”Ich habemeinen alten Stil wieder aufgenommen, um ihn nie mehr aufzugeben – weich und leicht im Auftrag“, schreibt Renoir 1888 voller Begeiste- rung über seine neusten Arbeiten an seinen Händler Paul Durand-Ruel. ”Das soll Ihnen eine Vorstellung von meiner neuen und endgültigen Malweise geben – wie Fragonard, nur nicht so gut.“ (Übersetzt aus: House, Renoir in the Barnes Foundation, 2012, S. 121). Renoir beginnt wieder zu reisen, lässt sich von Meistern wie Tizian, Rubens und dem franzö- sischen Rokoko inspirieren und verfolgt eine Weiterführung der Malerei des 18. Jahrhunderts. Die harten Konturen und die kühlen Töne von ”Les grandes baigneuses“ lässt er hinter sich und öffnet sich einer weicheren, wärmeren und helleren Malweise. Zentrales Thema sind dabei häufig bürgerliche junge Frau- en und Mädchen, spielend oder während einer Freizeitbe- schäftigung. So auch die junge Dargestellte im vorliegenden Gemälde, die genau dem Typus von Renoirs Figuren der 1890er-Jahre entspricht. Das Mädchen ist im Halbprofil dargestellt; der Blick ist ge- senkt und in das Buch vertieft, das ausserhalb des Bildrandes wohl auf einem Tisch liegt. Die porzellanartige Haut wird von zart geröteten Wangen und Lippen belebt. Das dichte, lange Haar schmückt eine rote Haarschleife, ein Accessoire, das Renoir gern verwendete. Der charakteristische, fliessende Pinselduktus lässt die Konturen sanft ineinander übergehen und verleiht auch der weissen Bluse eine lockere, bewegte Wirkung. Die Szene entfaltet eine stille Intimität, in der die lebhafte Pinselführung und die leuchtende Farbigkeit harmo- nisch zusammenwirken. Hier zeigt sich jener sanfte, idealisierte Typus, den Renoir nach seiner stilistischen Neuorientierung um 1890 konsequent verfolgt. Entsprechend betont er: ”Für mich muss ein Bild etwas Angenehmes, Heiteres und Schö- nes sein – ja, schön!“ (Übersetzt aus: House, Renoir in the Barnes Foundation, 2012, S. 16). Das Motiv der Lesenden spielt eine wichtige Rolle in Renoirs Werk und geht auf Fragonard zurück, der ihm zeitlebens ein Vorbild war. Bereits in den 1870er-Jahren greift Renoir das Sujet vereinzelt auf, verwendet es ab etwa 1890 jedoch wie- der verstärkt und schafft allein in der ersten Hälfte des Jahr- zehnts zahlreiche Darstellungen lesender junger Mädchen. Mit seiner erneuerten, zugleich an frühere Ansätze anknüp- fenden Malweise stellt sich rasch Erfolg ein, und für den Künstler beginnt eine Phase wachsenden Wohlstands sowie lang ersehnter Anerkennung. Sein Händler Paul Durand-Ruel beginnt wieder gezielt Werke zu erwerben, im Vertrauen da- rauf, dafür Käufer zu finden. ”Ich bin wieder gefragt auf dem Markt und habe im Frühling viel gearbeitet“, schreibt Renoir 1890 an Bérard. (Übersetzt aus: White, Renoir. His Life, Art, and Letters, 1984, S. 189). Einen wichtigen Höhepunkt markiert 1892 der Ankauf von ”Jeunes filles au piano“ durch den französischen Staat für das Musée du Luxembourg. Eine offizielle Würdigung, die Renoir selbst als einen seiner grössten Erfolge empfindet. Im selben Jahr richtet Durand-Ruel zudem eine umfangreiche Retros- pektive aus, die ausserordentlich positiv aufgenommen wird und, wie der Kritiker Arsène Alexandre bemerkt, ”den Beginn eines Triumphs“ darstellt. ”Jeune fille lisant“ ist ein Paradebeispiel für Renoirs Male- rei dieser Jahre. Das Potential des Werks wurde schon früh sowohl vom Galeristen Georges Bernheim als auch von der Galerie Bernheim-Jeune erkannt, in deren Besitz es bereits 1908 überging. Das Werk ist seit 1938 im selben Familien- besitz und kommt nun erstmals seit über 100 Jahren wieder zur Auktion.

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