IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026
48 Vibrierend und leuchtend, einem Tanz der Farben gleich, durchzieht das leicht bewegte Wasser der Lagune die Kom- position und umspielt die im Zentrum aufragende Silhouette von Santa Maria della Salute. Die markante Doppelkuppel der im 17. Jahrhundert am Canal Grande errichteten Votivkir- che erscheint aus der Perspektive des Giudecca-Kanals als ein im Dunst schimmerndes architektonisches Wahrzeichen. Flankiert wird die Szene von Booten mit leuchtend gelben Se- geln, die den Blick auf die Basilika freigeben und zugleich die Bildfläche rhythmisch gliedern. Für Paul Signac, den Segler und Meeresliebhaber, fungiert La Salute als ”Tor zu Venedig“. Als Mitbegründer des Neoimpressionismus versteht Signac die Lagunenstadt als ideales Studienfeld für Licht, Wasser und Farbe: ”Signacs neoimpressionistisches Venedig be- steht ganz aus Himmel, Licht, Wasserspiegelungen, farbigem Gefunkel und linearen Rhythmen“, beschreibt Anne Distel seine Bilder (Anne Distel, Venedig, von Canaletto bis Turner und Monet, Fondation Beyeler 2008, S. 181). 1904 reist er zum ersten Mal nach Venedig. Während dieser Reise entste- hen über 200 Aquarelle, die als unmittelbare, rasch ausge- führte Studien dienen. Diese Blätter – wie etwa das Aquarell ”L‘église de la Salute, à Venise“ (vgl. Abb.) – halten atmosphä- rische Eindrücke in fliessender, lockerer Farbgebung fest. Im Atelier transformiert Signac diese visuellen Erinnerungen in nur etwa zehn sorgfältig komponierte Gemälde. Dabei wird das spontane Seherlebnis systematisch in eine strukturierte Bildordnung überführt. Die Aquarelle fungieren somit weni- ger als Vorzeichnungen im klassischen Sinne, sondern als visuelle Speicher von Lichtstimmungen und Farbklimata. Die Komposition von ”La Salute (Venise)“ ist dabei klar gegliedert: die Boote und Pfähle im Vordergrund, die Wasserfläche als zentrale Mitte und die markante Architektur im Hintergrund sind durch rhythmisch gesetzte Farbstrukturen miteinander verzahnt. Die Basilika erscheint nicht als massiv gebauter Körper, sondern löst sich in ein flirrendes Gefüge aus Rosa-, Lavendel- und Blautönen auf. DieseWirkung beruht auf der konsequenten Anwendung des divisionistischen Prinzips. Aufbauend auf den Farbtheorien Michel Eugène Chevreuls sowie den Wahrnehmungsstudien Charles Henrys setzt Signac reine, ungemischte Farben ne- beneinander, die sich erst im Auge der Betrachtenden ver- binden und so maximale Leuchtkraft erzeugen. In Signacs theoretischem Hauptwerk ”D’Eugène Delacroix au néo- impressionisme“ (1899) formuliert er diese Methode als wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung einer von Delacroix intuitiv vorweggenommenen komplementären Farbauffassung. Besonders im Zusammenspiel der Farb- kontraste wird die konstruktive Bildwirkung sichtbar: Die warmen Gelb- und Orangetöne der Segel intensivieren das kühle Grün-Türkis des Wassers, während roséfarbene und violette Nuancen die Fläche in eine vibrierende Bewegung versetzen. Das Wasser erscheint dabei nicht als naturhafte Gegebenheit, sondern als Ergebnis einer präzise kalkulierten Farbstruktur. In den Venedig-Bildern ab 1904 erreicht Signacs Technik eine besondere Reife. Es ist daher nicht verwunderlich, dass viele dieser Werke in bedeutenden Sammlungen vertreten sind, etwa in der Sammlung Bührle, Zürich (vgl. Abb.), im Toledo Museum of Art (USA) oder in der Neuen Pinakothek Paul Signac. Canal de la Giudecca, matin (Santa Maria della Salute). 1905. Öl auf Leinwand. 65 x 81 cm. Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich. Paul Signac. L‘église de la Salute, à Venise, 1904, Aquarell und Bleistift. Musée d’Orsay, Paris
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