IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026

50 München. Sich von George Seurat lösend, vergrössert Signac seine Pinselstriche, setzt sie rhythmisierend, mosa- ikartig ins Bild und verleiht ihnen damit eine Eigenständig- keit. Die Pinselstruktur erzeugt eine rhythmisch gegliederte Oberfläche. Zugleich hellt sich die Palette auf, und die Farben verbinden sich zu einem lichtdurchfluteten Gesamtklang. Die Architektur verliert zunehmend ihre materielle Festigkeit und erscheint als eine im Licht aufgelöste Erscheinung. Im Unterschied zu den Venedig-Darstellungen William Turners (vgl. Abb.), die Signac während eines Aufenthalts in London kennenlernt, dient das Wasser in ”La Salute (Venise)“ weder als Ausdruck einer dramatischen Natur­ erfahrung noch – wie bei Claude Monet – allein der Wie- dergabe atmosphärischer Lichtstimmungen. Vielmehr er- scheint es als rhythmisch gegliederte Farbfläche. Gerade darin zeigt sich eine zentrale Entwicklung des Neoimpressi- onismus: Die Farbe löst sich zunehmend von ihrer rein be- schreibenden Funktion und wird zu einem eigenständigen Gestaltungsmittel. Durch die Zerlegung der Farbe und ihre zunehmende Autonomie löst sie sich vom darzustellenden Gegenstand. ”La Salute“ ist somit ein exemplarisches Werk, in dem Paul Signac Malerei nicht mehr als Abbild, sondern als systema- tisch organisierte Farbwahrnehmung versteht. Die sichtbare Bewegung der Lagune entsteht aus der Interaktion von Farb- werten und Rhythmen – sie ist konstruiert, nicht beobachtet. In dieser konsequenten Überführung von Wahrnehmung in Struktur liegt die eigentliche Modernität dieses Bildes. Das Gemälde ist im Werkverzeichnis von Cachin zwar auf- geführt, jedoch ohne Abbildung, da es dem Signac-Archiv bislang nur in Form einer kleinen Tusche-Skizze bekannt war (vgl. Abb.). Das Gemälde ”La Salute (Venise)“ stellt so- mit eine bedeutende Wiederentdeckung dar. Das Werk wur- de zuletzt 1913 öffentlich gezeigt, als es vom renommierten Pariser Kunsthändler Jos Hessel, einem Cousin der Brüder Bernheim und langjährigen Leiter der Galerie Bernheim-Jeu- ne, an einen Münchner Sammler verkauft wurde. Wie Mari- na Ferretti hervorhebt, wuchs Signacs Bekanntheit ab 1900 auch in Deutschland dank des unermüdlichen Einsatzes sei- nes guten Freundes Henry Van der Velde, der seine Werke an wichtige Persönlichkeiten des Kunstgeschehens vermit- telte, darunter Harry Graf Kessler, Karl Ernst Osthaus, Hugo von Hofmannsthal und Hugo von Tschudi, dem die Neue Pinakothek München einige bedeutende Signac-Werke verdankt. In diesem Klima der Begeisterung für die aufkommende Moderne und die Neoimpressionisten ist es nicht verwun- derlich, dass auch der Käufer von ”La Salute (Venise)“, der gleichzeitig Tschudi-Unterstützer war, begehrte Gemälde von Paul Signac von seinen Parisreisen mitbrachte. Die Fa- milie bewahrte im folgenden Jahrhundert nicht nur das Werk, sondern auch die dazugehörige Ankaufsrechnung von 1913 wohlbehütet auf. Seit damals befindet sich das Gemälde in Familienbesitz und war weder in Publikationen noch in Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich. Wir freuen uns daher besonders, es nach über 110 Jahren erstmals wieder öffentlich präsentieren zu dürfen. Die Tusche Zeichnung zum vorliegenden Werk, wie sie 1906 im Ausstellungskatalog der Galerie Bernheim-Jeune aufgeführt war. Bild: Archives Signac. Joseph Mallord William Turner. The Dogana and Santa Maria della Salute, Venice, 1843. National Gallery of Art, Washington, D.C.

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