IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026
6 Max Liebermanns erste Fassung der Gemüseputzerinnen ist im Gegensatz zu den skizzenhaften Momentaufnahmen auf den Strassen Amsterdams im Atelier entstanden, kurz nach seiner Rückkehr aus Holland im Frühherbst 1872. So ist die- ses Werk auch in Bezug auf Komposition und Farbgebung ausgearbeiteter als die Studie, die Liebermann in einem Schuppen im Amsterdamer Hafen festgehalten hat. Er arbeitet mit Asphaltfarben, die stark und leuchtend die Einzelheiten hervorheben. Besonders schön sind die weis- sen Akzente – die Hauben und Kleider der Arbeiterinnen, das Kaffeegeschirr und die Lichtlücke in der Mauer oben rechts – die sich von den sonst dominierenden Brauntönen abhe- ben und die starken Hell-Dunkelkontraste akzentuieren. Das kleine Fenster sowie die von der Decke hängende Laterne sind ein direktes Bildzitat aus den im selben Jahr entstande- nen Gänserupferinnen“. Die Komposition der dicht aufgereihten Frauen, die alle der- selben Tätigkeit nachgehen, legt den Fokus auf das Kollek- tiv, auf den gemeinsamen Prozess des Gemüserüstens. In feinen Details gibt Liebermann die in ihre Aufgabe vertieften Gesichter der Arbeiterinnen, deren meist gleich angewinkel- ten Arme und Hände und die zu bearbeitenden Möhren wie- der und schafft ein besonders gelungenes, eindringliches und intimes Genreporträt der Amsterdamer Hafenarbeiterin- nen, die das Gemüse zur Verarbeitung von Konserven für die Schifffahrt putzen. Es erstaunt daher nicht, dass sich der Kunsthändler Fritz Nathan über dieses Gemälde bereits bei der Versteigerung in der Galerie Paul Cassirer 1916 mit grosser Bewunderung äusserte. Nicht ahnend, dass er ebendiesem Werk rund 25 Jahre später in der Schweiz unter den im Folgenden beschriebenen Umständen wieder begegnen würde. Das Gemälde befand sich im Besitz von Alfred Sommerguth, der Miteigentümer der renommierten Firma Loeser & Wolff war. Sommerguth war vor dem Ersten Weltkrieg einer der be- deutendsten jüdischen Kunstsammler Deutschlands. Infolge nationalsozialistischer Verfolgung verlor Alfred Sommerguth seine Kunstsammlung. In dem Versuch, sie zu retten, über- gab er einen Teil der Werke als Dauerleihgabe zur sicheren Verwahrung an die Sturzzeneggersche Gemäldesammlung in der Schweiz. Um der Deportation zu entgehen, gelang Sommerguth, da- mals bereits 82 Jahre alt, gemeinsam mit seiner Ehefrau Gertrud im Jahr 1941 die Flucht nach Kuba. Dort war er über ein Jahr lang wegen Typhus hospitalisiert, bevor er schliess- lich über Key West New York erreichte. Alfred Sommerguth starb 1950, seine Ehefrau Gertrud 1954. Beide wurden 1948 amerikanische Staatsbürger. Nach dem Krieg konnte er einige der in die Schweiz ver- brachten Gemälde zurückerlangen, jedoch nicht dieses Werk von Liebermann, das zu den für ihn bedeutendsten Gemälden zählte. Das Gemälde ”Die Gemüseputzerinnen/Die Konserven- macherinnen“ von Max Liebermann wird nun auf Grund- lage einer Vergleichsvereinbarung zwischen den Erben Sommerguths und dem heutigen Eigentümer zum Verkauf angeboten. Das Gemälde wird mit einer vollständig geklärten und lückenlosen Provenienz veräussert.
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