IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026
68 Campendonk nachhaltig. In der ersten Ausstellung ”Der Blaue Reiter“ in der Galerie Thannhauser in München ist Campendonk mit drei Gemälden vertreten und bis zur unfrei- willigen Auflösung 1914 auch fester Bestandteil der Gruppe. Mit dem Jahr 1914 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endet die Künstlergemeinschaft abrupt. Campendonk, Marc und Macke werden in den Kriegsdienst eingezogen und müssen an die Front. Während Macke und Marc dort den Tod finden, wird Campendonk aufgrund gesundheitlicher Beschwerden aus dem Kriegsdienst entlassen. Geprägt von den Geschehnissen an der Front zieht sich der Künstler 1916 zusammen mit seiner Frau Adda und seinen beiden kleinen Kindern zurück nach Seeshaupt, ans Ufer des Starnberger Sees. Die Campendonks beziehen zwei Etagen in einem hel- len bayerischen Bauernhaus, umgeben von einem grosszügi- gen Garten, Hühnern, Kühen und umschlossen von Wald. An diesem friedlichen Ort kann er sich ganz auf seine Malerei fokussieren. Diese Jahre in Seeshaupt sind entscheidend für die Entwick- lung von Campendonks Malerei, und laut dem Kunsthistori- ker Peter Selz findet Campendonk erst dort zu einer eigen- ständigen künstlerischen Sprache. Von 1917 bis 1919 ist Campendonk besonders produktiv, und es entstehen Gemäl- de, die das ländliche Leben und seine Umgebung zeigen. Diese einfachen Motive bricht Campendonk jedoch auf, in- dem er sie in poetische Bildwelten verwandelt. Zeitgenössi- sche Kritiker und Kunsthistoriker beschrieben die Gemälde aus dieser Zeit als ”traumhaft“, ”visionär“, ”Malerei hinter der Netzhaut“, ”immateriell“, ”phantastisch“, ”paradiesisch“, ”märchenhaft“, ”mystisch“, ”lyrisch“ oder ”zeitlos“. (Firmenich, Heinrich Campendonk, 1989, S. 146). Das zur Auktion kommende ”Blumenbild“, das in diese Zeit fällt, entführt in eine solche mystisch-paradiesische Umge- bung: in einen märchenhaften Blumengarten, in dem die Farben schichtweise ineinander übergehen und miteinan- der verschmelzen. Das Gemälde besticht durch eine intensiv leuchtende, expressive Farbigkeit. Subtile kubistische Nach- klänge sind spürbar, doch überwiegt die freie Formgebung. Einzelne Formen und Blumen überlagern sich und schei- nen schwebende Elemente im offenen Bildraum zu sein. Campendonk konzentriert sich hier ganz auf die Vegetation und trotz des Fehlens von Tier oder Mensch, die in seinem Werk oft als erste gegenständliche Elemente ins Auge fallen, entfaltet das Bild eine ausgeprägte erzählerische Wirkung. 2019 organisierte das Museum Penzberg/Sammlung Campendonk die Ausstellung ”1919. Campendonk und die Revolution/1919. Stadt statt Stillstand“, in der das vorliegen- de Werk als Aushängeschild der Ausstellung fungierte. Die Schau widmete sich erstmals Campendonks Vision einer neuen Rolle von Kunst und Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Umso bemerkenswerter ist es, dass Campendonk dieses Gemälde selbst auswählte, um es in seinem Bei- trag für die 1919 erschienene Publikation ”Ja! Stimmen des Arbeitsrates für Kunst“ erstmals zu veröffentlichen. Dies deu- tet darauf hin, dass er seine revolutionären Gedanken beson- ders stark in diesem Werk vertreten sah. Im Kontext dieser frühen Rezeption ist auch der ehema- lige Besitzer des Werks, Walter Dexel, zu erwähnen. Der selbst als Künstler tätige Dexel war ein enger Brieffreund Campendonks sowie Ausstellungsleiter des Jenaer Kunstver- eins. Sein Anliegen war es, die Künstler des ”Blauen Reiter“ einem breiteren Publikum näherzubringen. Gemeinsam rea- lisierten sie in den Folgejahren mehrere Ausstellungen, unter anderem in der Galerie Sturm in Berlin. CHF 450 000/700 000 (€ 489 130/760 870) Ja! Stimmen des Arbeitsrates für Kunst in Berlin, 1919. Buchcover und Abbildung «Blumenbild» von Heinrich Campendonk.
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