IMPRESSIONISMUS & MODERNE 26. JUNI 2026

80 3246 OTTO DIX (Untermhaus 1891–1969 Singen) Sturm am See. 1941. Öl auf Holz. Unten rechts auf dem Boot datiert und monogrammiert: 19 Dix 41. 65 × 98 cm. Provenienz: Privatbesitz Schweiz, 1958 als Hochzeitsgeschenk von den Eltern erhalten. Ausstellung: Berlin/Dresden 1957, Otto Dix. Gemälde und Graphik von 1912–1957, Deutsche Akademie der Künste Berlin, 12.4.–31.5.1957/Staatliche Kunstsammlung Dresden, Juni–August 1957. Literatur: - Fritz Löffler: Otto Dix 1891–1969, Œuvre der Gemälde, Recklinghausen 1981, Nr. 1941/21 (mit Abb.). - Heinz Lüdecke: Otto Dix, Dresden 1958, S. 12 (Abb. 16). Otto Dix verblüfft durch die ungeheure Vielfalt in seinem künstlerischen Schaffen: von den frühen kosmischen Bildern und expressionistischen Porträts, über die bissigen Politik- und Kriegsmetaphern bis hin zu Landschaften und Werken mit allegorischen oder christlichen Bildinhalten. Manchmal wird der Künstler aber auch durch äussere Um- stände zu einem Wechsel gezwungen. Mit der Machtergrei- fung der Nationalsozialisten wird Dix aus den Diensten an der Kunstakademie in Dresden entlassen und zieht sich an den Bodensee zurück, zunächst auf Schloss Randegg, ab 1936 in sein Haus in Hemmenhofen. Inspiriert von der imposanten Landschaft, die sich ihm dort präsentiert, ist dieses Genre zu- gleich politisch unproblematischer und in dieser Zeit leichter verkäuflich. So ist es kein Zufall, dass sich Dix zum ersten Mal seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wieder der Gattung der Landschaftsmalerei zuwendet und diese während der ganzen Kriegsjahre vorherrschend bleibt. Gegen aussen hin ist es eine ruhige, besonders fruchtbare Schaffensperiode, in der auch das hier vorliegende Gemäl- de von 1941 entsteht. Während aller Tages- und Jahreszeiten geht Dix hinaus, um zeichnerische Aufnahmen für seine Wer- ke zu machen. Zu Hause schafft er dann seine Landschaften mittels der sorgfältigen und zeitintensiven Lasurtechnik, wo- bei er mehrere Malschichten übereinander aufträgt und am Schluss in deckender Ölfarbe die gewünschten Lichteffekte aufsetzt. Auch finanziell braucht sich der Künstler keine Sor- gen zu machen. Er erhält viele Aufträge und sein Werk stösst auf reges Interesse. Dass der aus der Grossstadt verbannte und politisch den- kende Dix in seinem Inneren aber immer noch an den Ereig- nissen der Welt fernab seiner Bodensee-Idylle Anteil nimmt, spiegelt sich in seinen Werken wider. So auch hier: Es ist keine liebliche Landschaft, die sich uns präsentiert. Der ge- waltige Baum, das unruhige Wasser und die dunklen Wolken sind Naturgewalten. Die vom Wind gepeitschten Wellen, die geballten Wolken am Himmel, die sich vor dem hellen Licht im Hintergrund drohend aufbauen, und die tief fliegenden Schwalben sind Vorboten des nahenden Sturmes. Die etwas heruntergekommene Hütte am linken Bildrand bietet keinen Schutz. Und das kleine Boot steht am Ufer – es würde den wilden Wogen nicht standhalten können. Nur der kräftige Baum steht unerschütterlich da und streckt seine wie Krallen scheinenden Äste dem Himmel trotzig entgegen. Es scheint, dass er unzerstörbar ist und allem Ungemach widerstehen wird. Der Titel ”Vor dem Sturm“ verstärkt diese symbolische Komponente und lässt viel Spielraum für Interpretationen. CHF 70 000/100 000 (€ 76 090/108 700)

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