SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026

121 3072 HERMANN SCHERER (Rümmingen 1893–1927 Basel) Zwei Frauen mit zwei Kindern. 1924–26. Öl auf Leinwand. 110 × 90 cm. Provenienz: - Nachlass Hermann Scherer. - Galerie Iris Wazzau, Davos (verso mit Etikett). - Privatbesitz St. Gallen, 2003 in obiger Galerie erworben. - Tessiner Privatsammlung, bei Obigem erworben. Ausstellungen: - Chur 1974/75, Bündner Kunstmuseum, als Leihgabe. - Davos 2002, 30 Jahre Galerie Iris Wazzau, Galerie Iris Wazzau, 20.7.–12.10.2002, Nr. 28. Literatur: Ausst.-Kat. 30 Jahre Galerie Iris Wazzau, Davos 2002, Nr. 28 (mit Abb.). Das vorliegende Gemälde von Hermann Scherer gehört in jene kurze, kunsthistorisch entscheidende Hauptphase seines Schaffens, in der er sich von älteren Vorbildern löst, sich intensiv mit der Holzbildhauerei auseinandersetzt und eine radikal vereinfachte, eigenständige Formensprache entwickelt. In diesen wenigen Jahren steht er im engen Austausch mit Ernst Ludwig Kirchner in Davos und grün- det in der Silvesternacht 1924/25 gemeinsam mit Albert Müller und Paul Camenisch die Künstlergruppe Rot-Blau. In diesem Umfeld formiert sich ein neuer Expressionismus in der Schweiz, zu dessen zentralen Figuren Scherer zählt. „Zwei Frauen mit zwei Kindern“ zeigt nicht das bürger- lich-idyllische Familienbild, das der Titel zunächst erwar- ten lässt. Vielmehr erzeugen das gesteigerte Kolorit, die klar geführten Konturen und die formale Verdichtung der Figuren eine spürbare innere Spannung. Die maskenhaft zugespitzten Gesichter und die voneinander gelösten Bli- cke verleihen der Gruppe eine konzentrierte Präsenz, wäh- rend die Hände und die enge Gruppierung der Figuren eine zurückhaltende, leicht angespannte Wirkung entfal- ten. Nähe und Distanz stehen dabei in einem ambivalen- ten Verhältnis zueinander. Diese Darstellung steht in engem Zusammenhang mit wiederkehrenden Themen in Scherers Werk. Frau- und Kind-Konstellationen erscheinen bei ihm nicht als Bilder von Geborgenheit, sondern als Träger existenzieller Zu- stände. Aspekte wie Verletzlichkeit, Bedrängnis und inne- re Unsicherheit treten ebenso hervor wie Momente von Bindung und Nähe. Das Gemälde berührt damit zentrale Fragen seines Schaffens, das durch eine unmittelbare emotionale Direktheit und eine reduzierte, auf Wirkung konzentrierte Formensprache geprägt ist. Die formale Gestaltung ist eng mit Scherers Tätigkeit als Holzbildhauer verbunden, die seit 1924 entscheidend auf seine Malerei zurückwirkt. Körper werden zu klar gefass- ten Volumen verdichtet, die Figuren erscheinen flächig organisiert und zugleich körperlich präsent. Diese skulp- turale Auffassung verbindet sich mit einer gesteigerten, nicht naturalistischen Farbigkeit: Kühles Blau, scharfes Grün und warme, ins Rosa tendierende Töne stehen in bewussten Kontrasten zueinander und strukturieren die Bildfläche. Die Nähe zu Kirchners Malerei ist dabei erkennbar, ins- besondere in der Farbintensität und der expressiven Ver- einfachung der Form. Zugleich entwickelt Scherer daraus eine eigenständige Bildsprache von grosser Geschlos- senheit. Während Kirchner den Raum häufig in Bewegung hält, bindet Scherer seine Figuren stärker an die Fläche und verdichtet sie zu einer frontal wirkenden Einheit. So erweist sich „Zwei Frauen mit zwei Kindern“ als ein Werk, in dem Scherer seine eigenständige, zwischen Schweizer und internationalem Expressionismus vermit- telte Bildsprache in besonderer Klarheit zur Geltung bringt. CHF 80 000/120 000 (€ 86 960/130 430) Abb. 1: Ernst Ludwig Kirchner, Hermann Scherer, Paul Camenisch und Ernst Ludwig Kirchner auf der Veranda vor dem Wildbodenhaus, Juli 1926. © Kirchner Museum, Davos

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