SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026

27 ihre Ausbildung weiterhin von gesellschaftlichen Erwar- tungen und Vorbehalten geprägt. Anker begegnet seinen Figuren mit derselben Aufmerksamkeit und Würde wie in seinen Darstellungen von Knaben und betont damit auf zurückhaltende Weise den allgemeinen Wert der Bildung. Gerade in der scheinbaren Unschuld der Szene liegt eine leise gesellschaftliche Aussage: Auch Mädchen sollen an Bildung teilhaben und damit zur Gestaltung einer besse- ren Gesellschaft befähigt werden. Dass diese Haltung keineswegs selbstverständlich war, zeigt die zeitgenössische Rezeption. Als das Gemälde 1866 am Pariser Salon mit einer Goldmedaille ausgezeich- net wurde, veröffentlichte eine Schweizer Zeitung eine Ab- bildung unter der Überschrift „Die kleinen Blaustrümpfe“. Der Begriff war im 19. Jahrhundert zunehmend abwertend besetzt und zielte auf die vermeintliche Unangemessen- heit oder Nutzlosigkeit weiblicher Bildung. Vor diesem Hintergrund erhält Ankers ruhige Schulszene eine zusätz- liche Bedeutung: Sie verbindet alltägliche Beobachtung mit einem stillen Plädoyer für Bildungsgerechtigkeit. CHF 600 000/900 000 (€ 652 170/978 260)

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