SCHWEIZER KUNST 26. JUNI 2026

44 3029 FÉLIX VALLOTTON (Lausanne 1865–1925 Paris) Femme nue couchée de dos. 1897. Öl auf Karton. Unten rechts signiert und datiert: F. Vallotton 97. 47,5 × 60 cm. Provenienz: - Sammlung Alexandre Natanson, 1898 direkt beim Künstler erworben. - Auktion Drouot, 16.5.1929, Los 106. - Wohl Sammlung Gibour oder Giboun, an obiger Auktion erworben (im Verkaufsbuch undeutlich vermerkt). - Auktion Drouot, 5.12.1940, Los 40. - Sammlung Louis le Bomin, Paris, an obiger Auktion erworben. - Schweizer Privatsammlung. Ausstellungen: - Wohl Paris 1898, Exposition des œuvres de MM. P. Bonnard; M. Denis Ibels; Ranson; X. Roussel; Sérusier; Vallotton; Vuillard, Galerie Vollard, 27.3–30.4.1898. - Wohl Paris 1935, Félix Vallotton 1865-1925, Galerie Druet, 14.–25.10 1935, Nr. 2 als „Nu couché“. Literatur: - Félix Vallotton: „Livre de raison. Liste de mes œuvres, peintures et gravures, faite dans l‘ordre chronologique, à partir de 1885“, in: Catalogue 1938, Zürich, Félix Vallotton. 1865–1925, S. 37–99, Nr. 360, als „Peinture femme nue couchée, dos“. - Thadée Natanson: „Petite gazette d‘art“, in: La Revue blanche, 15.4.1898, S. 618. - Charles Kunstler: „Les expositions. Felix Vallotton“, in: Le Figaro supplément artistique, 2.5.1929, S. 496, Nr. 231. - Didier Romand: „En vogue. Felix Vallotton“, in: Le spectacle du monde, 1974, S. 95, Nr. 150. - Marina Ducrey: Félix Vallotton (1865–1925). L’œuvre peint. Catalogue raisonné, Zürich und Lausanne 2005, Bd. II, S. 137, Nr. 238 (mit Abb.). Félix Vallotton gehört zu den eigenständigsten Künst- lern der europäischen Moderne um 1900. Obwohl er der Gruppe der Nabis nahestand, entwickelte er bereits in den 1890er-Jahren eine unverwechselbare Bildsprache, die sich deutlich von der poetischen Atmosphäre eines Bonnard oder Vuillard unterscheidet. Seine Werke verbin- den dekorative Flächigkeit mit psychologischer Distanz, formale Strenge mit einer eigentümlich kühlen Erotik. Das vorliegende Gemälde von 1897 steht exemplarisch für die- se entscheidende Phase seines Schaffens. Die präzise und zugleich vereinfachte Darstellung des Ak- tes verleiht dem Gemälde seine besondere künstlerische Qualität. Der Körper füllt den Vordergrund nahezu vollstän- dig aus, während der Raum auf wenige grosse Farbflächen reduziert bleibt: das tiefe Rot des Teppichs, die grünliche Wandzone und das dichte Schwarz des herabfallenden Haares. Gerade diese Spannung zwischen der hellen Haut des Modells und den komplementären Rot- und Grüntö- nen gehört zu den charakteristischen Ausdrucksmitteln Vallottons. Seine Akte wirken weder idealisiert noch sen- timental; vielmehr besitzen sie eine stille, beinahe unbe- queme Präsenz. Die Modelle erscheinen distanziert und in sich geschlossen. Die malerische Vereinfachung und die präzise Kontur sind ebenfalls typisch für Vallotton. Die Anatomie wird durch klare Linien und grosse, nahezu ungebrochene Farbfelder definiert. Diese flächige Auffassung verdankt sich nicht zuletzt dem Einfluss des Japonismus sowie der japani- schen Farbholzschnitte, die Vallotton intensiv studierte. Zugleich steht seine Kunst in engem Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als bedeutender Erneuerer des modernen Holzschnitts. Die scharf gesetzten Konturen und die starke Reduktion auf Hell-Dunkel-Kontraste seiner Druckgraphik finden in seinen Gemälden der späten 1890er-Jahre eine direkte Entsprechung. Auch technisch ist das Werk typisch für Vallottons Arbei- ten dieser Zeit. Die Ölmalerei auf Karton entspricht seiner Vorliebe für glatte Bildträger, die den matten Eindruck sei- ner Malerei verstärken. Zahlreiche Hauptwerke der Jahre um 1898 entstanden auf Karton oder Holz und unterstrei- chen den dekorativen sowie bewusst antiillusionistischen Charakter seiner Kunst. Innerhalb seines Œuvres steht dieses bedeutende Werk am Übergang vom Symbolismus und dem Nabi-Stil zu einer sachlicheren Bildauffassung des frühen 20. Jahr- hunderts. Vallottons distanzierte Darstellung des mensch- lichen Körpers und die ruhige Spannung seiner Komposi- tion wirkt bemerkenswert modern. Seine Akte verbinden dabei die Eleganz des Fin de Siècle mit dem Aufbruch in die frühe Moderne. CHF 700 000/1 200 000 (€ 760 870/1 304 350)

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